Leserbrief zum Beitrag „Vereine versus Ganztagsschule“ in der AZ vom 18. Januar 2012:
Der Beitrag „Vereine versus Ganztagsschule“ (AZ v. 18.1.2012) berührt einen zentralen Aspekt der vielfältigen Reformen der Bildungslandschaft in den vergangenen 10 Jahren. Grundsätzlich geht es um die Frage der zeitlichen Belastungen von Kindern und Jugendlichen durch Schule sowie einer Verdichtung des Lernstoffs.
Seit dem Pisa-Schock im Jahr 2000 ist die Bildungspolitik auf allen Ebenen bemüht, das deutsche Bildungssystem im Sinne von internationalen Vergleichsstudien und im Hinblick auf die globalisierten Märkte konkurrenzfähig zu machen. Im Zentrum der Reformen lagen dabei die Einführung von Ganztagsschulen und die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre. Allgemein kann man durch diese Maßnahmen eine zunehmende Verschulung von Kindheit und Jugend beobachten, die nicht nur die (Vereins-)Kultur belastet, sondern in vielen Fällen zu einer unerträglichen Belastung unserer Kinder und Jugendlichen geführt hat. Studien belegen, dass die zeitliche Inanspruchnahme der Kinder und Jugendlichen heute häufig bei über 40 Stunden (gebundene Zeiten für Schulweg, Unterricht und Hausarbeiten) in der Woche liegen. Wie zahlreiche Untersuchungen zur Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen in den vergangenen Jahren zeigen, werden diese nicht zunehmend fitter für den Arbeitsmarkt, wie Herr Althusmann behauptet, sondern immer häufiger krank. Immer mehr Kinder und Jugendliche reagieren auf den Leistungsstress, den unsere Gesellschaft auf sie ausübt, mit physischen und psychischen Erkrankungen, mit Aggression, Kriminalität und Drogenkonsum. Eine im letzten Jahr erschienene Studie der Leuphana-Universität Lüneburg und der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) stellt bei ihnen eine Verschiebung von akuten zu chronischen sowie von somatischen zu psychischen Erkrankungen fest. Besonders Mädchen seien von den schulischen Leistungsanforderungen betroffen. 40 % von ihnen hätten infolge der Schulbelastungen mehrmals in der Woche körperliche oder psychische Beschwerden. Diese führen vermehrt zu selbstzerstörerischen Auswirkungen wie Essstörungen oder dem Ritzen. Während Mädchen die Belastungen eher verinnerlichen und daher vermehrt unter psychosomatischen Erkrankungen leiden, reagieren Jungen häufiger mit extrovertierten Handlungen wie Aggression und Hyperaktivität. Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen, an der Jungen dreimal so häufig wie Mädchen erkranken, stieg nach Angaben der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) allein in den Jahren von 2007-2009 um 50% an.
Wenn Bildungspolitiker, Eltern und Pädagogen diesem Ratschlag zumindest in der Tendenz folgen würden, wäre der Bildung unserer Kinder in der gegenwärtigen Situation am meisten geholfen.
Prof. Dr. Thomas Vogel,
Natendorf
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