Ehemaliger Wittinger Mike Blume ist als Kameramann bei der WM in Brasilien

Vom Teddy Boy zum Journalisten

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Viel Zeit zum Reisen blieb Blume zwar nicht, dennoch konnte er Kontakt zu Land und Leuten knüpfen.

Brasilia/Wittingen. Er galt schon zu Schulzeiten in den 80er Jahren am Gymnasium Hankensbüttel als eine Art Popstar und hatte immer eine Spiegelreflex-Kamera mit dabei.

Mit Elvistolle, einem Blick wie James Dean und cooler Sonnenbrille stand er auf dem Pausenhof und kam bei den Mädchen gut an. Mike Blume stammt ursprünglich aus Wittingen und lebt heute als freiberuflicher Kameramann, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in Hannover.

Blume studierte nach einem Zeitungsvolontariat in der Filmklasse der Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig und machte sich schon früh selbstständig. Blume arbeitet seit über 20 Jahren in der TV-Branche im norddeutschen Raum, unter anderem für Sat 1 und den NDR und ist regelmäßig bei Bundesligaspielen in Wolfsburg, Braunschweig, auf Schalke und in Hannover. Bis Sonnabend filmte Mike Blume fünfeinhalb Wochen lang bei der Fußball-WM in Brasilia und Belo Horizonte, wo er am Dienstag den geschichtsträchtige 7:1 Erdrutschsieg des deutschen Teams in Ton und Bild festhielt. Am Sonnabend war er zurück in Brasilia beim Spiel um Platz 3.

Bis Sonnabend filmte Kameramann Mike Blume fünfeinhalb Wochen lang bei der Fußball-WM in Brasilia und Belo Horionte.

Sein Faible zum Filmen entwickelte Blume am Gymnasium: Sein Video-Mentor war Lehrer Jürgen Kook, dessen Startthilfe er heute als Goldwert bezeichnet. Kook stellte damals aus privaten Mitteln immer die neueste Technik wie einen Amiga 500 bereit. Auch Kunst-LK-Lehrer Helmut Rothkirch sei als Förderer genannt. Technisch ist es bei der WM so, dass die FIFA eine Firma mit der Produktion beauftragt. Diese wiederum beschäftigt einen technischen Dienstleister, der die gesamte monströse Technik in den Stadien installiert. Bis zu 40 Live-Kameras filmen gleichzeitig ein Spiel. An diesen kabelgebunden Kameras sitzen freiberufliche Kameraleute und produzieren ein Videosignal, das weltweit überall gleich ist und alle Sender mit einer Lizenz zeigen das Ganze live oder später als Ausschnitt. Einer von diesen ist auch Mike Blume.

„Die Arbeitsbedingungen hier sind wirklich professionell“, sagt Blume fügt aber auch hinzu, dass die brasilianischen Mitarbeiter in diesem internationalen Pressetross durchaus eine entspanntere Arbeitsweise an den Tag legen. Das ganze Programm ist straff durchorganisiert und es gibt keine Probleme, tolle Bilder und Zeitlupen zu produzieren. Sündhaft teure Kameras und Ü-Technik mietet und stellt der Dienstleister der FIFA.

Das Klima in der Hochebene von Brasilia mit tagsüber 22 bis 28 Grad ohne Regen bezeichnet Blume als großartig und angenehm zum Arbeiten. Sein Hotel liegt nur zehn Gehminuten vom Stadion entfernt. Nur warum niemand im extra angelegten 40 Quadratmeter großen See badete erschloss sich ihm nicht. Das brasilianische Essen unterscheidet sich überraschend kaum von der deutschen Küche: Der absolute Renner sind Fleischspieße. Die Restaurants bieten mit italienischem, japanischem und chinesischem Essen eine ähnliche kulinarische Vielfalt wie die in der Heimat. Die Liebe zu Deutschland kann Mike als Sportjournalist nicht komplett ausblenden, er litt aber trotz Freude über den deutschen Sieg mit Gastgeberland Brasilien.

In den 80er Jahren war Mike Blume ein Ted.

Wenn das Wetter in Hankensbüttel mitspielt will Blume auf jeden Fall in dieser Woche seine Eltern in Wittingen besuchen und zum Hankensbütteler Freibad fahren, das er sehr schätzt. Seine Freundin in Hannover sieht er täglich per Videotelefonie via Skype. In Gesprächen mit Brasilianern erfuhr Blume, dass diese ganz objektiv urteilen über die insgesamt doch enttäuschende Leistung ihres Teams. Bei der Finalbegegnung gegen den sportlichen Erzfeind Argentinien halten sie ganz klar zu Jogi Löws deutscher Nationalmannschaft. Ihm widerfuhr fast ausschließlich Positives im Land. Nur einige Brasilianer reagierten verschnupft auf das verlorene Duell, aber das blieb die Ausnahme.

Von Protesten gegen die WM bekam Blume kaum etwas mit. Aber dass das Stadion von Brasilia statt 300 Millionen schließlich 900 Millionen US-Dollar kostete, ärgerte viele, die das Geld lieber in städtische Infrastruktur oder soziale Belange investiert hätten. Denn auch so manches historische Bauwerk ist sanierungsbedürftig und im sozialen Sektor liegt vieles im Argen. Brasilia entstand am Reißbrett und wartet mit imposanter Architektur der 50er und 60er Jahre auf. Also genau der richtige Ort für einen „Teddy Boy“. Die teilweise fraglichen Schiedsrichterleistungen beim Turnier möchte Blume nicht beurteilen, weil sich sein Fokus hinter der Kamera auf andere Dinge richtet.

Viel Zeit zum Reisen hatte Mike leider nicht, aber auch privat ist er immer auf der Suche nach interessanten Motiven, die er gerne stilvoll in schwarz-weiß festhält. Mit Englisch kommt man nicht sehr weit, und ein paar portugiesische Wörter werden von den Brasilianern lobend honoriert. Gestern Abend während des Endspiels zwischen Deutschland und Argentinien saß Blume bereits wieder wieder im Flieger nach Hannover. Ein paar freie Tage im Isenhagener Land und schon bald ruft ihn wieder der nächste Auftrag zum Tagesgeschäft hinter der Kamera auf den Plan. Die Eindrücke aus Brasilien wird er sicher nicht vergessen, und wer weiß, vielleicht ist er in vier Jahren bei der WM im Emirat Katar am Persischen Golf mit von der Partie.

Von Marc Lücke

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