„Keine moralischen Bedenken mehr“ / Fälle des Enkeltricks nehmen zu

Kriminalität gegen Senioren sorgt Polizei

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Der Enkeltrick ist längst nicht aus der Mode. Die Anzahl der Fälle hat sich 2015 in Niedersachsen verdoppelt.

Gifhorn. Die Kriminalität gegen Senioren wird zunehmen. Da ist sich Jürgen Schmidt, Leiter der Kriminalpolizei Gifhorn, sicher. „Es gibt keine moralischen Bedenken mehr, ältere Menschen zu betrügen.

Das wird uns noch extrem beschäftigen“, sagt der Kripo-Chef aus der Kreisstadt.

Eine Statistik des Landeskriminalamtes bestätigt den Eindruck. Allein beim Enkeltrick habe sich die Zahl der Fälle im Jahr 2015 auf rund 1000 verdoppelt. Und obwohl die Masche uralt ist – Anrufer versuchen, ihre Opfer zu überreden, vermeintlichen Familienmitgliedern mit einer Geldzahlung aus einer Notsituation zu helfen –, fielen im letzten Jahr immer noch 50 Personen auf den Trick rein.

Der Schaden ist riesig: Die Betrüger erbeuteten dabei rund eine Million Euro – oder noch mehr. Aus Sicht von Thomas Reuter, Pressesprecher der Gifhorner Polizeidienststelle, gibt es beim Trickbetrug ein „hohes Dunkelfeld“. Viele Geschädigte würden aus Scham, auf den Trick reingefallen zu sein, keine Anzeige erstatten. Ebenso wie die Bürger, die den Betrug rechtzeitig bemerkten und ebenfalls – weil sie nicht geschädigt wurden – schweigen.

Für die Polizei sei es ein „Kampf gegen Windmühlen“, erklärt Reuter. Fast jeden Monat werde gewarnt – über Printmedien oder im Internet. Und doch: Der Betrug mit dem Enkeltrick, bei dem Summen im Tausend-Euro-Bereich erreicht werden, hört nicht auf.

Womöglich, so Reuter, liege es daran, dass ältere Menschen empfänglich seien für die Masche. „Sie reden sich ein, dem Verwandten helfen zu müssen.“ Auch wenn es das Familienmitglied gar nicht gibt.

Hinter dieser Betrugsart stecken meist gut organisierte Banden. „Die telefonieren das Telefonbuch hoch und runter, rufen meist bei Menschen an mit älter klingenden Namen“, so Reuter. Zwar habe die Polizei schon Täter ermitteln können. Die Strafverfolgung halte sich aber in Grenzen. Es sei bekannt, dass die Anrufe über Callcenter aus dem Ausland getätigt würden.

Im Landkreis Gifhorn blieben die Betrugsdelikte auf einem konstanten Niveau. Gegenüber 2014 stieg die Anzahl der Fälle im Bereich „Betrug und Erschleichen von Leistungen“ um eine Tat auf 1046 an. „Es gibt keine Häufung bei uns“, meinte Reuter. Anscheinend wirkt die stetig wiederkehrende Warnung der Gifhorner Ordnungshüter. „Bleiben Sie misstrauisch. Überlegen Sie, ob das wirklich ein Familienangehöriger war und fragen Sie sicherheitshalber bei wirklichen Verwandten nach. Und wenn Sie sich vollkommen unsicher sind, rufen Sie bei der Polizei an“, erklärt Reuter Möglichkeiten, den Betrug zu verhindern.

Sollte sich jemand sicher sein, einen Betrüger am Telefon zu haben, könne er auch zum Schein auf das Angebot eingehen. Dann sollte er die Polizei alarmieren, damit bei der Geldübergabe der Betrüger auf frischer Tat gefasst werden könne.

Von Matthias Jansen

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