Junger Mann zieht vor Gericht

Vater entführt schwulen Sohn in Berlin

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Der junge Mann vor Beginn des Prozesses.

Berlin - Er sollte im Alter von 15 Jahren zwangsverheiratet werden, weil er schwul ist: Nun ist der heute volljährige junge Mann in Berlin vor Gericht gezogen. Verwandte sollen ihn gequält haben.

Ein Vater und zwei Onkel sollen einen damals 15-Jährigen ins Ausland entführt haben - dafür hat das Amtsgericht Berlin-Tiergarten nun Geldstrafen gegen die drei Männer verhängt. Wegen Freiheitsberaubung und Entziehung Minderjähriger erließ die Richterin Geldstrafen von jeweils 90 Tagessätzen zu je 15 Euro, insgesamt also jeweils 1350 Euro.

Der heute 18-Jährige hatte zuvor schwere Vorwürfe gegen seine libanesische Familie erhoben. Verwandte hätten ihn gequält und wegen seiner Homosexualität zwangsverheiraten wollen.

Die drei Angeklagten erschienen am Donnerstag nicht zum Prozesstermin, so dass das Verfahren in ein sogenanntes vereinfachtes Strafbefehlsverfahren umgewandelt wurde. Wenn die drei Männer im Alter zwischen 36 und 43 Jahren innerhalb von zwei Wochen nicht gegen die Entscheidung des Gerichts vorgehen, wird sie rechtskräftig.

Zwei Verteidiger erklärten aber bereits, sie würden ihren Mandanten empfehlen, die Entscheidung zu akzeptieren. Wegen mutmaßlicher Misshandlungen und einer möglicherweise geplanten Zwangsheirat sei kein Verfahren anhängig.

Der heute 18-Jährige sagte nach der Verhandlung am Donnerstag: „Ich habe es zumindest geschafft, diesen Fall vor Gericht zu bekommen.“ Seine Geschichte hatte für Schlagzeilen gesorgt: Mit 15 Jahren habe er sich als schwul geoutet und sei kurz darauf von zu Hause weggelaufen - aus Angst um sein Leben, sagte er auf einer Pressekonferenz vor kurzem.

Aus elterlicher Wohnung in Neukölln verschleppt

Nachdem er sich dann in seiner Not an das Jugendamt gewandt hatte, wurde den Eltern das Sorgerecht entzogen. Im Dezember 2012, als er bereits unter Pflegschaft der Behörde stand, sollen sein Vater und zwei Onkel den Plan einer Entführung umgesetzt haben. „Meine Mutter hatte mich nach Hause gelockt“, schilderte der Sohn später. Ihm seien vermutlich Getränke mit Schlafmitteln gereicht worden. In einem Auto sei er zu sich gekommen.

Im Dezember 2012 - die Justiz hatte zunächst Oktober als mutmaßlichen Tatmonat angegeben - wurde der Junge laut Anklage aus der elterlichen Wohnung in Berlin-Neukölln verschleppt und außer Landes gebracht.

Sozialarbeiter aber bemerkten das Verschwinden des damals 15-Jährigen. Er wurde als vermisst gemeldet. Rumänische Grenzbeamte verhinderten zwei Tage später die geplante Weiterfahrt.

Sein Lachen klang unbeschwert, als der nun 18-Jährige vor Saal 701 im Gericht auf den Prozess gegen seine Verwandten wartete. Auf seinem schwarzen Hemd leuchtete ein Sticker mit der Forderung: „Stop Homophobia!“ („Stoppt Schwulenfeindlichkeit!“).

Mehrere Kamerateams drängten in den Saal. Um 9.32 Uhr verkündete Richterin Gisela Hampel schließlich ihre Entscheidung, nachdem das Fehlen der Angeklagten festgestellt worden war: „Da die Angeklagten nicht erschienen sind, wird in das Strafbefehlsverfahren übergegangen.“

Neben den Geldstrafen hätten die Angeklagten die Kosten des als Nebenkläger zugelassenen Sohnes zu tragen. Journalisten sagte der junge Mann nach der Entscheidung: Er sei nicht enttäuscht. Für ihn sei das Kapitel abgeschlossen. „Ich habe damit gerechnet, dass sie nicht kommen, ich habe meine Kraft gezeigt, ich will meine Sexualität nicht verstecken.“

Die Entscheidung wollte der 18-Jährige nicht kommentieren: „Das Gericht hat das Urteil gefällt, das es für richtig hält.“ Ob er Angst habe? „Nein, ich bin kein Mensch, der sich versteckt.“ Er lebt derzeit in einer betreuten Jugendeinrichtung und arbeitet auf seinen mittleren Schulabschluss hin.

dpa

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