Sex-Skandal an Jesuiten-Kollegs weitet sich aus

Berlin/München - Im Skandal um sexuellen Missbrauch an katholischen Jesuiten-Kollegs werden neue Details bekannt. Demnach wurden weitaus mehr Kinder missbraucht, als bisher angenommen.

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Im Skandal um sexuellen Missbrauch an katholischen Jesuiten-Kollegs will der Orden auf die Wünsche der Opfer eingehen. “Sie sollen sagen, was sie von uns erwarten“, sagte Ordenssprecher Thomas Busch am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die Täterseite könne nicht die Diskussion bestimmen. Am Donnerstag wird die vom Orden beauftragte Anwältin Ursula Raue in Berlin einen Zwischenbericht zu dem massenhaften Missbrauch vorstellen. Bundesweit wurden nach Angaben der Anwältin inzwischen mehr als 100 Fälle vor allem aus den 70er und 80er Jahren bekannt. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sagte im Deutschlandfunk, die Kirche könne sich nicht damit herausreden, “dass andere es auch tun“.

Zu der mit Spannung erwarteten Pressekonferenz von Raue werden keine Vertreter des in München ansässigen Jesuiten-Ordens anreisen. Damit solle die Unabhängigkeit der Anwältin unterstrichen werden, sagte Ordenssprecher Busch. Die Jesuiten seien bereit, weiter mit Aufklärungsarbeit zu leisten. “Wir denken über weitere Schritte nach, an einer Kultur des Hinschauens mitzuwirken.“ In München solle nach der Vorstellung des Berichts eine Erklärung abgegeben werden.

Zahlreiche Opfer gemeldet

Erste Missbrauchsfälle waren am Berliner Canisius-Kolleg Ende Januar bekanntgeworden. Zwei Patres sollen dafür verantwortlich sein. Rektor Klaus Mertes hatte die Fälle öffentlich gemacht. Dies hatte eine Lawine ausgelöst. Immer mehr Opfer meldeten sich. Die meisten Betroffenen waren Schüler an einem der drei deutschen Jesuiten- Kollegs - neben der Canisius-Schule das Kolleg St. Blasien im Schwarzwald und das Aloisiuskolleg in Bonn. Dort forderten ehemalige Schüler und Eltern am Mittwoch in einem offenen Brief eine differenzierte Aufarbeitung.

Der deutsche Chef des Jesuiten-Ordens, Provinzial Stefan Dartmann, hatte sich öffentlich bei Opfern, Lehrern und Eltern für die Missbrauchsfälle entschuldigt. “Es gibt keine pauschale Lösung“, sagte Ordenssprecher Busch am Mittwoch. “Für uns ist maßgeblich, was die Opfer sagen.“ Der Orden weist Entschädigungs-Forderungen aber zurück.

Bischof: Kirche kann sich nicht herausreden

Bischof Bode, zugleich Vorsitzender der Jugendkommission der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz, sagte, die Missbrauchsfälle dürften nicht heruntergespielt werden. Die Kirche sei eine Instanz mit hohen moralischen Anforderungen. Das sei eine besondere Herausforderung. Die Bischofskonferenz wird auf ihrer Frühjahrsvollversammlung vom 22. bis 25. Februar in Freiburg das Thema erörtern. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, äußerte sich bislang nicht.

Unterdessen ging die Debatte um Äußerungen des Augsburger Bischofs Walter Mixa weiter. Der Kirchenmann hatte der sexuellen Revolution eine Mitschuld an dem Missbrauch von Jesuiten-Schülern gegeben. Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, nannte im “Tagesspiegel“ (Mittwoch) die Thesen von Mixa “historisch absurd.“ Das Problem, das die Kirche habe, sei älter als die sexuelle Befreiung. Ursächlich sei vielmehr die “systematische Unterdrückung von Sexualität.

Papst soll sich entschuldigen

Der Sexualaufklärer Oswalt Kolle nannte im “Kölner Stadtanzeiger“ (Donnerstag) Mixas Äußerungen “eine große Unverschämtheit“. Die Kirche sollte sich “endlich darum kümmern, dass diese Schweinehunde bestraft werden“. Karin Kortmann, Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), nannte die Äußerungen Mixas in der “Frankfurter Rundschau“ (Donnerstag) “hanebüchen“. Ihm fehle offenbar der Realitätssinn. Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker sprach in der Zeitung von einem “abenteuerlichen Ablenkungsmanöver“.

Papst Benedikt XVI. hatte am Dienstag den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen als “abscheuliches Verbrechen“ und schwere Sünde gegen Gott gegeißelt. Er hatte dies im Zusammenhang mit dem tausendfachen Missbrauch in irischen Kindereinrichtungen gesagt. Grünen-Politiker Beck sagte dem “Tagesspiegel“, der Papst solle dafür sorgen, dass der Missbrauch von Kindern in allen Teilen der Welt zum Thema gemacht werde. “Überfällig ist aber auch eine Entschuldigung für die Vorfälle.“

dpa

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