Anklage wegen Beihilfetaten

Das Grauen von Auschwitz kommt erneut vor Gericht

+
Das Eingangstor des Vernichtungslagers Ausschwitz. Ab Donnerstag steht ein ehemaliger Wachmann in Detmold vor Gericht.

Detmold - Ab Donnerstag muss sich ein mutmaßliches Ex-Mitglied der SS-Wachmannschaft in dem Vernichtungslager vor dem Detmolder Landgericht wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen verantworten.

Das Grauen von Auschwitz beschäftigt erneut ein deutsches Gericht: Ab Donnerstag muss sich ein mutmaßliches Ex-Mitglied der SS-Wachmannschaft in dem Vernichtungslager vor dem Detmolder Landgericht wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen verantworten.

Worum geht es in dem Prozess?

Dem 94-jährige Angeklagten Reinhold H. wird vorgeworfen, während des Holocausts die Massenmorde in dem riesigen Lagerkomplex von Auschwitz-Birkenau unterstützt zu haben. Laut Staatsanwaltschaft war der damals etwa 20-Jährige von 1942 bis 1944 als Mitglied des SS-Totenkopfsturmbanns dort. Er bewachte demnach sowohl das sogenannte Stammlager I als auch Selektionen der mit Deportationszügen an der "Rampe" ankommenden Juden, die im Lagerteil Birkenau meist sofort ermordet wurden. Dort befanden sich die Gaskammern.

Konkret wirft die Staatsanwaltschaft dem Mann Beihilfetaten im Zeitraum von Januar 1943 bis 1944 vor. Der Anklage zufolge wusste H., dass die Deportierten in Birkenau ständig "in großer Zahl" grausam sowie heimtückisch vergast wurden und dass im Stammlager Massenerschießungen und Selektionen für die Gaskammern stattfanden. H. räumte im Vorfeld des Prozesses nach Gerichtsangaben nur ein, das Stammlager bewacht zu haben. Er stritt demnach ab, an Tötungshandlungen beteiligt gewesen zu.

Warum findet der Prozess erst jetzt statt?

Durch eine geänderte Rechtsauslegung sind zuletzt die Hürden für Verurteilungen wegen Beihilfe zu NS-Verbrechen gesunken. Jahrzehntelang galt es als unumgänglich, Beschuldigten eine konkrete Beteiligung an einer konkreten Tötungshandlung nachzuweisen - etwa die Bewachung eines ganz bestimmten Deportationszugs an einem bestimmten Tag. Hinzu kam die Tendenz, den Beitrag kleiner "Gehilfen" in Rahmen des "industriellen Massenmords" rechtlich als zu geringfügig für eine Verurteilung anzusehen.

Erst mit dem Schuldspruch gegen den Vernichtungslagerwachmann John Demjanjuk durch das Landgericht München 2011 begann sich dies zu ändern. Die Richter sahen nun schon die Zugehörigkeit zur Wachmannschaft eines Lagers, in dem massenhaft und systematisch gemordet wurde, als ausreichend dafür an, den Angeklagten wegen Beihilfe zu Tötungen zu verurteilen. Weil die Staatsanwaltschaften nach dem Demjanjuk-Urteil die Chancen auf eine Verurteilung steigen sahen, brachten sie noch einmal einige Strafverfahren auf den Weg.

Auch die Richter im Lüneburger Prozess gegen den Auschwitz-Buchhalter Oskar G. entschieden im vergangenen Jahr entsprechend. Sie betonten bei ihrem Schuldspruch, dass es unerheblich sei, ob die Hilfstätigkeiten des Angeklagten für das Morden unverzichtbar gewesen seien. Auschwitz sei eine "auf die Tötung von Menschen ausgerichtete Maschine" gewesen, in deren Funktionsabläufe sich niemand auch nur indirekt habe einfügen dürfen.

Wie viele ähnliche Prozesse wird es noch geben?

Mit Sicherheit stehen noch zwei Verfahren an, eventuell auch ein weiteres. Am 29. Februar beginnt der Prozess gegen einen in Auschwitz eingesetzten SS-Sanitäter vor dem Landgericht Neubrandenburg. Voraussichtlich im April startet das Verfahren gegen einen mutmaßlichen Auschwitz-Wächter in Hanau. Zudem ist eine frühere Funkerin in Auschwitz beim Kieler Landgericht angeklagt, die Richter dort haben aber noch nicht über die Eröffnung des Verfahrens entschieden.

Dass es noch weitere Auschwitz-Prozesse geben wird, ist eher unwahrscheinlich. Die Ermittlungsbehörden nehmen inzwischen aber längst andere Tatorte und Tatkomplexe ins Visier - etwa NS-Tötungsverbrechen im Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek.

Wie ist der Stand der gerichtlichen Aufarbeitung insgesamt?

Mit Blick auf Auschwitz und den Holocaust insgesamt ziehen viele Beobachter eine ernüchternde Bilanz. Von den 6500 SS-Angehörigen, die in dem größten Vernichtungslagerkomplex Dienst taten, wurden in Deutschland nach Angaben von Juristen bisher lediglich etwa 50 rechtskräftig verurteilt. Die Zahl der wegen NS-Verbrechen eingeleiteten Verfahren beläuft sich seit Beginn der systematischen Aufarbeitung in der Bundesrepublik 1958 auf insgesamt etwa 18.400. Rechtskräftig verurteilt wurden dabei ungefähr 560 Menschen.

afp

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion