"Großvater der Szene"

Graffiti-Aktivist "Oz" beim Sprühen verunglückt

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Der Graffiti-Sprayer Walter F., alias "OZ", bei einer Ausstellung seiner Arbeiten im Hamburger Schanzenviertel. Jetzt ist im Alter von 64 Jahren verunglückt.

Hamburg - Mehr als 100.000 Graffiti soll „OZ“ in Hamburg gesprüht haben. Mehrfach saß der Sprayer (64) deswegen im Gefängnis. Jetzt starb er, als er an einer Bahnlinie zur Sprühdose griff.

Einmal im Kreis, zick-zack, ohne abzusetzen, fertig. Sein Markenzeichen, das „OZ“, ließ sich schnell sprühen. Mehr als 120.000 Mal soll „OZ“ Smileys und Kringel mit seinem „Tag“ auf Hauswänden, Ampelmasten oder Stromkästen der Hansestadt hinterlassen haben. In der Szene schwärmten manche vom „Zauberer von OZ“, für die Polizei waren seine Werke „Schmierereien“. Jetzt kam er beim Sprühen an einer S-Bahnlinie im Alter von 64 Jahren ums Leben.

Sympathisanten begleiten "Oz" im Jahr 2011 ins Amtsgericht Barmbek.

„Graffiti-Opa“ Walter Josef Fischer galt als unbelehrbar. Immer wieder stand er wegen Sachbeschädigung vor Gericht, insgesamt saß er mehr als acht Jahre im Gefängnis. Zuletzt resignierte sogar die Justiz. Zwar verurteilte ihn das Amtsgericht Hamburg-Barmbek 2011 noch mal zu 14 Monaten Haft. Eine Bewährung hatte die Richterin abgelehnt, weil er während des Gerichtsverfahrens erneut beim Sprayen erwischt worden war. Das Berufungsgericht urteilte 2012 aber wesentlich milder: Seine „Hemmfähigkeit“ sei erheblich eingeschränkt, auch eine Haftstrafe bringe ihn nicht von weiteren Taten ab. Darum blieb es bei einer Geldstrafe: 250 Tagessätze à 6 Euro.

Die Verteidigung hatte auf die Kunstfreiheit gepocht und Freispruch gefordert. Womöglich seien einige seiner Werke als Kunst zu bewerten, räumte der Berufungsrichter ein, es gebe aber andere Möglichkeiten, sich künstlerisch auszudrücken. Nicht für „OZ“, wie sich zeigte.

Am späten Donnerstagabend sprayte er sein „Tag“ (von englisch „to tag“ = eigentlich „mit einem Anhänger, Schild oder Ähnlichem versehen“ laut „Duden“) auf die Abdeckung einer S-Bahn-Stromschiene. Nach Angaben der Bundespolizei muss ihn dabei eine Bahn am Kopf getroffen haben. Der Zugführer habe den Unfall gar nicht bemerkt, erst der Fahrer einer nachfolgenden Bahn sah den Toten am Gleis. Neben ihm lag die Sprühdose.

Künstler oder Krimineller

War „OZ“ nun ein Künstler oder ein Krimineller? „Ich kann mit diesen Kategorien nichts anfangen“, sagt Martin Gegenheimer (34) vom Berliner Archiv der Jugendkulturen. „Er war für die Hamburger Szene der Großvater.“ „OZ“ sei wie ein Maskottchen gewesen. „Er konnte wohl auch ein liebenswerter Zeitgenosse sein.“

Wenn man die Kürzel („Tags“) als Form der Kalligraphie oder Typographie betrachte, dann seien auch diese Graffiti Kunst. „Es ist wie eine Handschrift: Die eine mag man, die andere nicht.“ Graffiti-Sprüher können demnach erkennen, wer oder was von einem Kollegen hinterlassen wurde. „Das bleibt Außenstehenden oft verschlossen.“

Die Werke von „OZ“ wurden mehrfach in Galerien gezeigt, zu einer Ausstellung in Hamburg erschien 2009 ein Bildband unter dem Titel „Es lebe der Sprühling“. Viele seiner Botschaften enthielten „einen kritischen Umgang mit der Stadtkultur, einen Angriff auf die oberflächliche Gesellschaft“, hieß es darin. „Dieser stille Protest gegen etwas, was man vielleicht mitfühlen oder erfühlen kann, ist geprägt durch kreative Energie.“

6,6 Millionen für Graffiti-Entfernung

Die Deutsche Bahn hat wie viele andere Immobilienbesitzer wenig Verständnis für diese Form der Kreativität. Sie versuchte nach Angaben aus Bahnkreisen, bis zuletzt Schadenersatzansprüche gegen „OZ“ geltend zu machen. Um Graffiti-Werke zu entfernen, gab die Deutsche Bahn im vergangenen Jahr 6,6 Millionen Euro aus.

Den Sprayern ist aber nur schwer beizukommen. Im ersten Halbjahr zählte die Bahn bereits wieder 10 500 Delikte, eine Steigerung um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Gefahren, Gefängnis und die öffentliche Ablehnung seiner Kunst konnten „OZ“ nie stoppen. Ob es der Tod kann? „Spraye in Frieden“, twitterte am Freitag einer seiner Fans.

dpa

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