Erschreckende Studie

Fast jeder zehnte junge Deutsche als Kind missbraucht

Regensburg - Erschreckende Zahlen zum Kindesmissbrauch und Pädophilie in Deutschland ergeben sich aus einer aktuellen Studie. Dabei spielt das Internet eine besondere Rolle.

Etwa 8,5 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland sind als Kinder missbraucht worden. Das ist ein Ergebnis des Forschungsprojekts "MiKADO" der Universität Regensburg, das am Donnerstag veröffentlicht wurde. Bei ihrer ersten Missbrauchserfahrung waren die Betroffenen im Durchschnitt demnach 9,5 Jahre alt. Frauen berichteten mit 11,5 Prozent deutlich häufiger von Missbrauch im Kindesalter als Männer (5,1 Prozent).

Das Dunkelfeld sei aber "immens", berichten die Forscher. Denn in den meisten Fällen verschweigen die Kinder und Betroffenen den Missbrauch, meist aus Scham. Nur jede dritte Missbrauchserfahrung wurde jemand anderem mitgeteilt. Gerade einmal ein Prozent der Fälle wird der Studie zufolge den Ermittlungsbehörden oder Jugendämtern bekannt.

Betroffene Kinder und Jugendliche, die vom Hilfesystem erfasst wurden, zeigten demnach deutliche Belastungssymptome. 60 Prozent erfüllten die Kriterien einer psychischen Störung, vor allem Störungen des Sozialverhaltens, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen. Aus Scham offenbarten sich viele, wenn überhaupt, frühestens nach einem Jahr. Viele Betroffene nahmen aber keine therapeutische Hilfe in Anspruch.

An den Studien nahmen insgesamt 28.000 Erwachsene und mehr als 2000 Kinder und Jugendliche teil. An dem über dreieinhalb Jahre laufenden Projekt, das vom Bund mit rund 2,5 Millionen Euro finanziert wurde, beteiligten sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren neben der Uni Regensburg auch Mediziner und Psychologen in Hamburg, Bonn, Dresden, Ulm und Finnland sowie verschiedene Opferschutzvereine.

Fast jeder 20. Mann hat pädophile Tendenzen

Die Forscher haben auch untersucht, wie häufig sexuelles Interesse an Kindern in der Bevölkerung vorkommt. 4,4 Prozent der Männer berichteten demnach von sexuellen Fantasien mit Kindern. 1,4 Prozent gaben an, ein Kind unter zwölf Jahren missbraucht zu haben. Das Dunkelfeld der Kindesmissbraucher sei aber "groß", heißt es weiter. Der Studie zufolge erfüllen wahrscheinlich weniger als einer unter 1000 Männern die diagnostischen Kriterien einer Pädophilie.

Missbrauch im Internet

Von mehr als 2200 befragten erwachsenen Internetnutzern hatten 5,3 Prozent im Internet Kontakt zu Minderjährigen mit sexuellem Inhalt. Dabei gaben viele Erwachsenen ein falsches Alter an; jünger als 18 Jahre machten sie sich aber nicht. „Oft gibt es einen längeren Internet-Kontakt ohne sexuellen Inhalt“, erläuterte Janina Neutze, die Leiterin der Studie. „Es wird Vertrauen aufgebaut und den Kindern vorgegaukelt, sie seien etwas Besonderes.“

Sechs Prozent der befragten Mädchen und zwei Prozent der Jungen berichteten, im vergangenen Jahr mindestens eine belastende sexuelle Online-Erfahrung gemacht zu haben. Dazu gehören Gespräche über sexuelle Themen, Online-Sex vor der Kamera, der Erhalt pornografischer Abbildungen und das Verschicken eigener sexueller Fotos.

Nur wenige Jugendliche brachen den Onlinekontakt ab, als ein sexuelles Thema aufkam oder eine sexuelle Handlung gefordert wurde (14 Prozent). „Die Kinder und Jugendlichen bleiben dabei, weil sie neugierig sind. Im Rahmen ihrer sexuellen Entwicklung nutzen sie das Internet, um erste Erfahrungen zu sammeln.“ Sie fühlten sich dort vermeintlich sicher und unterschätzten die Gefahren.

Knapp ein Viertel traf sich mit den Onlinebekanntschaften. Dabei kam es auch immer zu einem Missbrauch. Jüngere und weniger gebildete Mädchen hatten im Vergleich zu Jungen ein höheres Risiko für belastende sexuelle Onlineerfahrungen, vor allem mit älteren Männern.

Bessere Aufklärung gefordert

Zur Prävention von sexuellen Missbrauch forderte die Leiterin der Studie eine bessere Aufklärung von Kindern über die Risiken des Internets sowie eine offene Debatte, in die Eltern und Lehrer stärker einbezogen werden sollten. Nur wenige Therapeuten seien bereit, mit Pädophilen zu arbeiten, sagte Neutze. Die Studie habe auch ergeben, dass es an qualifizierten Behandlungen für die Opfer fehle.

Die Ergebnisse könnten nach Angaben der Forscher auch Ansätze zur Entwicklung von konkreten Maßnahmen liefern, um Kinder und Jugendliche besser vor sexueller Gewalt zu schützen.

AFP/dpa

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