Gefahr für Sicherheit umstritten

Bahn: Kein Notfallfunk auf 330 Kilometern Strecke

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Ein ICE 4 befährt die Bahnstrecke Göttingen-Hannover nahe des Ortes Emmerke westlich von Hildesheim (Niedersachsen).

Stuttgart - Ein Fahrdienstleiter der Bahn setzt einen Notruf an einen Lokführer ab. Kann es sein, dass dieser gar nicht ankommt? Das ist der Kern einer Sicherheitsdiskussion nach dem Zugunglück von Bad Aibling.

Das digitale Funknetz der Deutschen Bahn, mit dem Notrufe an Lokführer abgesetzt werden können, ist nicht lückenlos. Das hat das Unternehmen am Donnerstag bestätigt. Dennoch sieht die Bahn keine Sicherheitslücken auf den Strecken. Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) habe bestätigt, dass kein Bahnunfall bekannt sei, der auf Mängel bei der Funkverbindung zurückzuführen wäre, sagten Bahnsprecher in Stuttgart und Berlin.

Nach dem Zugunglück im bayerischen Bad Aibling wurde spekuliert, dass ein Notruf des Fahrdienstleiter möglicherweise die beiden Lokführer wegen eines Funklochs nicht erreicht hat. Das hat sich bislang nicht bestätigt. Die Ermittlungen zur Aufklärung der Unglücksursache wurden aber auf diesen Aspekt ausgeweitet.

Das digitale Funknetz GSM-R ist nach Angaben des Berliner Bahnsprechers entlang von rund 29 000 Kilometern des insgesamt 33 000 Kilometer langen Streckennetzes installiert. Bei mehr als 99 Prozent der GSM-R-Strecken funktioniere der Funkempfang. Gebe es eine Störung, benutzten Fahrtdienstleiter und Lokführer stattdessen den öffentlichen Mobilfunk. In den Langsamfahrstellen-Verzeichnissen der Bahn sei ausgewiesen, an welchen Stellen dies der Fall sei.

Auf diese Verzeichnisse berufe sich offensichtlich der Südwestrundfunk (SWR), der von 52 Funklöchern auf insgesamt fast 60 Kilometern Strecke berichtet hatte. Der Bahnsprecher sagte, für all diese Stellen gebe es jeweils mit dem EBA abgestimmtes Verfahren, je nach Länge und Tempo, mit dem sie von Zügen überfahren werden. Kurze Abschnitte von wenigen Metern ohne Funkverkehr seien meist unbedenklich. Bei längeren Abschnitten müsse auf den öffentlichen Mobilfunk umgestellt werden.

Der Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, hatte in der „Stuttgarter Zeitung“ kritisiert, die bestehenden Funklöcher seien nicht zu akzeptieren. „Im Notfall, wo manchmal Sekunden zählen, kann das zum Sicherheitsrisiko werden“, sagte er. In Deutschland habe ein Wirrwarr an Zuständigkeiten dazu geführt, „dass unser Zugfunknetz GSM-R durchlöchert ist wie ein Schweizer Käse. Das ist unter Sicherheitsaspekten auf keinen Fall mehr hinnehmbar.“

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) zeigte sich alarmiert. Der Kontakt zur Bahn sei aufgenommen und ein Treffen sei geplant, sagte ein Ministeriumssprecher am Donnerstag in Stuttgart. „Der Minister möchte bald möglichst wissen, wie der Stand ist und wie die Bahn mit dem Thema umgeht.“ Eine detaillierte Darstellung sei nötig.

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dpa

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