Ich bin ganz anders

Von Julia Koll

Es gibt Tage, an denen bin ich nicht einig mit mir. „Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu!“ – dieser Ausspruch des ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth, halb gequält, halb lässig, bringt das Gefühl auf den Punkt. „Ich bin eigentlich ganz anders“… fünf Kilo leichter nämlich, so dass die gute Jeans nicht kneift; freundlicher zu der Kollegin und gelassener, wenn der älter werdende Vater am Telefon wieder alles durcheinander schmeißt; großzügiger, wenn mich jemand um einen Gefallen bittet, zufriedener, mit weniger glücklich; eigenwilliger, als es den grau-in-grauen Anschein hat; einfach ein besserer Mensch, einer, der zu sich steht und zu dem, was ihm am Herzen liegt… schön, nicht?
„Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu!“ – das könnte man als matte Rechtfertigung hören, als einen Versuch, sich selbst zu (ver)trösten, indem ich alle Verantwortung von mir weise und mir zugleich ein Hintertürchen offen halte. Ich weiß ja, was in mir steckt. Doch leider, leider erlauben es die äußeren Zwänge nicht, mich anders zu verhalten: die vielen Geburtstagsfeiern mit dem üppigen Essen; das unmögliche Verhalten meines Gegenübers; das schlechte Wetter; der Stress bei der Arbeit; keine Zeit, einen klaren Gedanken zu fassen. Aber es steckt auch eine gehörige Portion Sehnsucht in diesen Worten. „Ich bin eigentlich ganz anders“ – das ist ein Platzhalter für das neue Leben, ein Knoten im Taschentuch: Nicht vergessen, da ist noch mehr drin.
Wer nun nicht bei der Sehnsucht stehen bleiben will, der kann die Passionszeit nutzen, um das „eigentlich“ mal wegzulassen. Seit altersher sind die Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern eine Zeit der Buße – und das heißt: eine Zeit, um innezuhalten, sich auf das Wesentliche zu besinnen, um anders zu leben. Jesu Weg kann auch die Wahrnehmung dafür schärfen, wie mein Leben gemeint ist. Noch vier Wochen bis Ostern – Zeit genug also, um die Kollegin anzulächeln und ausreden zu lasse und mich dann über ihr erstauntes Gesicht zu freuen; um den tollen knallgrünen Schal einfach zu kaufen;um das Nörgeln zu lassen, und sei es nur für einen halben Sonntag.
Wer weiß: Vielleicht gewöhnen Sie sich ans Anderssein und machen dann im Schwung der Auferstehung einfach weiter! Ich wünsch es Ihnen!

 Julia Koll ist Pastorin der Kirchengemeinde Veerßen.

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