Bei der Stadtführung der Tourist-Info sitzen die Anekdoten

Schlappe Schwingen und Rapunzel Merkel

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Stadtführung mit Regine Schönberg: An der Stadtmauer liefert die Fremdenführerin einen Einblick auf die Dicke der Mauern, und wie weit das Hochwasser an die Mauern der Kaiserstadt drang – oder auch: wie schwer es durch die Anhöhe war, Löschwasser gegen den Stadtbrand von 1617 zu liefern. Für den Brand wurde Grete Minde (oben rechts) hingerichtet. Fotos: Hasse

Tangermünde. Man trotzt Wind und Wetter: Egal ob es regnet oder nicht, die Teilnehmer der Stadtführung in Tangermünde folgen Regine Schönberg brav durch die Straßen. Sieben sind es heute abend, am folgenden Tag werden es 40 sein.

Die Zahl ist immer erstaunlich unterschiedlich. Etwa 18 000 Teilnehmer waren es im vergangenen Jahr. Und sie erleben stets ähnlich erstaunliche Anekdoten der Stadtführer.

Wie diese Tour in die Nikolai-Kirche – die mitnichten noch als Kirche genutzt wird, wie man merkt. Stattdessen zechen dort heute Einheimische und Touristen das Kuhschwanzbier. Und das, wenn der Platz frei ist, direkt unter der Kanzel. Oder die Anekdote über das Bier selbst: Nicht immer war das Wasser frei von Kühen, so bekam das Gebräu seine Würze. Schönberg stellt den blauen Postkasten an der Langen Straße vor, referiert über die Form von Türmen, und dass runde Türme weniger Angriffsfläche für Kanonenkugeln bilden als eckige Türme. Die Witze sind nach zahllosen Führungen perfekt getaktet: Sie zeigt auf die Störche auf dem Rathausdach. „Von April bis August klappern die hier. Also aufpassen, meine Damen, dass nichts passiert...“ Und ein junger Familienvater aus Berlin, der offenbar öfters in Tangermünde war, setzt dem Witz das i-Tüpfelchen auf: „Alle Kinder sind gekommen, nachdem wir hier zur Klapperstorchzeit waren.“

Überhaupt, der Berliner. Als Schönberg raten lässt, wozu die Wappen am Neustädter Tor gehören, tappt der in eine Falle. Der junge Mann hält den Tangermünder Adler für den Brandenburgischen. Ein Skandal. „Wir unterscheiden uns vehement von den Brandenburgern“, schnappt Schönberg liebenswürdig. Ein Beispiel: Die Federn des Tangermünder Vogels „hängen nicht so schlapp herunter wie die des Brandenburgers.“ Die Spitze muss sein gegen die Hauptstadt, das gehört zur Tradition. Das merkt man auch an anderer Stelle – bei der Statue des Kaisers Karl IV. Tangermünde, erklärt Schönberg, sei die „Lieblings-Nebenresidenz“ des Kaisers gewesen. „Und es hätte nicht viel gefehlt...“ – die Touristen ahnen es: „...dann wäre Tangermünde heute die Hauptstadt“, und nicht dieses schnöde Nest an der Spree, das Berlin-Cölln damals war. Eine Touristin fabuliert beim Gehen: „Dann säße heute die Merkel dort ob im Turm“, sie zeigt auf einen Wachturm am Schlossberg, „und würde ihr Haar herunter lassen.“

Von Kai Hasse

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