Ein Flüchtling über Deutschland, seine Gefühle als Vater und seine Musik

Mahers Sprache sind die Lieder

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Seit September ist Maher in Deutschland. Er musste seine um den Vater trauernde Frau zurücklassen, um noch nach Deutschland zu kommen. Er hofft, sie bald wiederzusehen.

Grobleben. „A, B, C, D, E, F, G...“ Maher Alkarak singt. Eine beswingte, lustige Melodie. Man muss unwillkürlich grinsen. „H, I, J, K...“ Maher singt das für Kinder.

Er nimmt eine CD auf und will, dass die Lieder darauf die Runde machen, am besten auch unter Flüchtlingskindern. Sie sollen mit seinen Liedern die deutsche Sprache lernen. Die Sprache seiner neuen Heimat. Maher ist Syrer. Ein Flüchtling. Aber er hat Glück im Unglück, denn vielleicht kommt bald seine Familie nach. „In scha’a llah“ sagt er. So Gott will.

Wenn Maher, 44, über Syrien, seine Heimat und die Familie spricht, wird er ernst. Er hantiert mit einem Taschentuch, mit seinen Gitarristenhänden: lange Finger, die Nägel links kurz zum Greifen der Akkorde, rechts länger zum Zupfen der Saiten. Jahrelang waren er, seine Frau Maha und die zehnjährigen Zwillingstöchter Aya („Wunder“) und Noor („Licht“) nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges unterwegs. Nach Ägypten, dann nach Jordanien, dann in die Türkei. Dort lebt sie immer noch mit den Mädchen. Seine Frau hatte ihren Vater lange nicht gesehen. Dann kam Nachricht aus Syrien: Ihr Vater war bei einem Bombenangriff gestorben. Und Maher – Maher musste eine Woche danach los, nach Deutschland. Er musste schnell machen, bevor Ungarn die Grenze dicht macht. Er konnte sie nicht so trösten, wie er es gewollt hätte. „Painful“, sagt er, war das, schmerzhaft. Und er vermisst sie und die Töchter. Über sieben Monate hat er sie jetzt nicht gesehen. „Wenn man einen Sohn hat“, sagt er, „ist die Trennung für einen Vater vielleicht erträglicher. Vater und Sohn sind wie Kumpel. Aber bei Töchtern ist das anders.“ Er erklärt mit Gesten, pumpt seine Schultern auf, ballt die Fäuste: Für Töchter will man starker Beschützer sein. Umso quälender, wenn das nicht geht. Aber bald wird seine Frau eine Anhörung in der Türkei haben, vielleicht wird sie dann ein Visum bekommen. Vielleicht wird er sie bald wieder sehen. Vielleicht. Maher hofft. In scha’a llah.

Solange hat er sein Musik-Projekt. Begonnen hatte das schon, als er noch in Klietz war, mit einer geliehenen Gitarre. Man muss zeigen, was man zur Gesellschaft beitragen kann, sagt er über das Flüchtlingsleben in Deutschland. Er schätzt die Art der Deutschen: „Sie zeigen ein Lächeln, Akzeptanz und Respekt.“ Er will etwas wiedergeben. Und er hat einen Vorteil: Er spricht die „erste Sprache“, wie er es ausdrückt, Musik nämlich. Die ist international und emotional. Das will er nutzen. Also singt er: „A, B, C ...“ und „Guten Morgen, Guten Tag ...“ und „1, 2, 3 ...“. In Klietz werden die Lieder gesungen, er will damit helfen.

Er hat das Metier gelernt: Neben einer Sprachausbildung für Französisch ist er gelernter Musiker und Komponist, arbeitete als Ton-Produzent für den Film.

Deutschland ist anders. Er redet auch darüber. Er bemerkt, dass Araber oft mit Vorurteilen oder einer pauschalen Angst in Verbindung gebracht werden. Dass das Kopftuch, der Hidschab, wenig akzeptiert wird, aber Tätowierungen oder Piercings normal empfunden werden. Alles seien frei gewählte Entscheidungen über das eigene Erscheinungsbild – übrigens auch der Hidschab. Er appelliert für Verständnis.

Aber es ist ein schönes Land. Grün, gastfreundlich. Was ist das erste, was er Maha und den Mädchen zeigen will? Mich, sagt er, und grinst. Und dann das Land, die Leute, Familie Knoblauch in Grobleben, die ihn zu Hause aufgenommen hat. Für das Foto setzt er sich an die Gitarre und singt seine Lieder. Und dann sein Lieblingslied. Es ist sehnsuchtsvoll und getragen. Traurig? Nein, sagt er. Romantisch.

Von Kai Hasse

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