Wie die Armee Wenck über die Elbe setzte / Weiter Lebensgefahr beim Deichbau Fischbeck

Letzte Hoffnung Tangermünde

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Die Amerikaner mussten Tangermünde erst erkämpfen: „Panzerfaustgeschosse regneten auf unsere Panzer.“

Tangermünde/Fischbeck. Drei Panzerfaustköpfe und eine Handgranate sind am Montag bei Fischbeck gesprengt worden. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen steht der Bau des neuen Deiches derzeit. Dort ist tonnenweise Weltkriegsschrott gefunden worden (AZ berichtete).

Ein Wachdienst muss die Baustelle sichern. Bereits jetzt mussten Menschen weggeschickt werden, die dort offenbar nach altem Kriegsgerät suchen – was „verdammt gefährlich“ ist, wie Axel Vösterling vom Technischen Polizeiamt warnt.

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Lebensgefahr: Granaten am Deich

Was derzeit am Elbufer aus dem Boden geholt wird, sind Überreste der letzten Hoffnung Hitlers: der Armee Wenck.

Über die Trümmer der Elbbrücke wurden die Soldaten nach Tangermünde geführt.

General Walther Wencks „12. Armee“ sollte bei der Schlacht um Berlin helfen – so der Plan Hitlers. Wenck nutzte die Armee stattdessen für Rückzugsgefechte und wollte Soldaten und Zivilisten über die Elbe bringen – vor den als brutal geltenden Russen hin zu den Amerikanern. Die hatten bereits am 12. April Tangermünde angegriffen – gegen die Widerwehr blutjunger Soldaten. Die Amerikaner vor Ort konnten keine Flugzeuge einsetzen – so blieb die Altstadt vor Verwüstung verschont. Etwa 800 Mann stellten sich in Tangermünde den Amerikanern entgegen, so Schilderungen amerikanischer Soldaten, die F.-W. Schulz aus Salzwedel zusammengetragen und dem Archiv Tangermünde übergeben hat. „Die Panzer fuhren durch die ersten vier Panzersperren, ohne dass ein Schuss auf sie abgefeuert wurde. Plötzlich begannen die Deutschen mit allem, was sie hatten, zu feuern. Panzerfaustgeschosse regneten auf unsere Panzer“, so heißt es da. Schließlich mussten die deutschen Verteidiger aber aufgeben. Um 15.50 und 18.30 Uhr an dem Tag wurden dennoch beide Tangermünder Brücken gesprengt.

Damit waren Soldaten und Zivilisten auf der Ostseite der Elbe in der Sackgasse. Sie hatten Angst, wollten hinüber. Zumindest die meisten: „Auf dem Rückzug von Wust in Richtung Tangermünde begegneten uns, einer hinter dem anderen am Straßenrand laufend, blutjunge Angehörige des letzten Aufgebotes, die sich mit ihren Panzerfäusten dem Ansturm der sowjetischen Truppen noch entgegenwerfen wollten“ so ein Soldat der Armee Wenck in einem Text von Wilfried Lübeck im Buch „Tangermünde“.

Soldaten drängten sich an der Küste Fischbecks. Die Brücken waren gesprengt worden. Viele warfen ihre Ausrüstung weg und schwammen.

Schließlich konnten jedoch Soldaten und Zivilisten über die Reste der gesprengten Elbbrücke nach Tangermünde geführt werden. Die Amerikaner organisierten das Übersetzen. Die Tangermünder Knabenvolksschule – heute das Diesterweg-Gymnasium – wurde als Lazarett genutzt. Ein Soldat, der übersetzte, erinnerte sich: „Als ich schließlich das Westufer der Elbe erreichte, fühlte ich mich wie in einer anderen Welt. Dort standen etwa dreißig Sanitätsfahrzeuge; Sanitäter, Krankenschwestern, Ärzte, deutsche und amerikanische, nahmen die Verwundeten und Kranken in Empfang [...] Im Gehen schrieb ich einige Zeilen an meine Mutter, sie sollte wissen, dass ich überlebt hatte.“ Der Name des Soldaten: Hans-Dietrich Genscher. Schon damals bemerkte er Spannungen zwischen Amerikanern und Russen. Und als Außenminister der BRD läutete er 44 Jahre später den Anfang vom Ende des Kalten Krieges ein.

Waffen und Ausrüstungsgegenstände derjenigen, die 1945 über die Elbe setzten (und zum Teil zu schwimmen versuchten und ertranken), sorgen heute für Sorgen beim Deichbau bei Fischbeck. Während auf der anderen Seite der Elbe ein Denkmal von den dramatischen Tagen erzählt, an der Arneburger Straße hinter einem Spielplatz: „An dieser Stelle endete am 7. und 8. Mai 1945 für die Soldaten der 12. Armee und für hunderttausende ziviler Flüchtlinge mit dem Übergang über die Trümmer der am 12. April zerstörten Elbbrücke der furchtbare Albtraum des 2. Weltkrieges.“

Für etwa 10 000 endete der Albtraum nicht. Aus bis heute ungeklärter Ursache wurden sie von den Amerikanern an die Russen übergeben.

Mehrere Videos über die letzten Tage an der Tangermünder Brücke gibt es bei youtube.de – Suchbegriff „the tangermünde bridge“ eingeben.

Von Kai Hasse

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