Tangermünder Bürgermeister Jürgen Pyrdok über den Wahlkampf, die Jugend und fehlendes Geld für Feuerwehrhäuser

„Besser und belebter als andere Städte“

+
Seit einem Jahr ist Pyrdok auf dem Chefstuhl in Tangermünde – und stets in Absprache mit seinen Amtsleitern, wie dem Kämmerer Dr. Wilhelm Peters.

Tangermünde. Vor fast genau einem Jahr hat der neue Bürgermeister von Tangermünde, Jürgen Pyrdok, sein Amt angetreten.

Über seine Sicht auf politische, persönliche oder touristische Dinge, sowie über wirtschaftliche Vorhaben oder solche der Feuerwehr hat er nun mit AZ-Redakteur Kai Hasse gesprochen.

AZ-Interview

Herr Pyrdok, Sie sind seit fast einem Jahr Bürgermeister. Was hat sich erstmal privat bei Ihnen geändert? 

Es gibt weniger Zeit für die Familie, und das nicht unwesentlich. Das habe ich aber gewusst. Es bedeutet eine ganze Menge mehr Aufwand – wenn ich das Amt nach eigenen Maßstäben ausfüllen möchte. Ich bin schon immer zu Fuß zur Arbeit gegangen. Der Weg dauert jetzt deutlich länger: Ich werde immer von Bürgern angesprochen. Und das finde ich gut.

Was wird dann auf der Straße besprochen? 

Das fängt bei persönlichen Sachen an, geht über kleinere Nachbarschaftsstreitigkeiten und zu Gesprächen darüber, wo Krach gemacht wird oder wo Schmutz liegt. Aber auch viel Gutes: Dinge, bei denen wir etwas geschafft haben, beispielsweise wenn wir Grünanlagen in Ordnung gebracht haben.

Der Wahlkampf vor einem Jahr wurde zum Ende hin recht hässlich... 

Ja, das kann man sagen.

Es lag an der persönlichen, aber öffentlichen Wahlempfehlung zu Ihren Gunsten durch ihren Vorgänger, der auch Wahlleiter war, und an einem Zwist in der CDU. Die hatte mit Thomas Staudt einen Kandidaten aufgestellt – manches CDU-Mitglied hat aber lieber Sie unterstützt. Wirkt dieser Streit noch nach? 

Ich habe das grundsätzliche Empfinden, dass alle sich einander angenähert haben. In den wichtigsten Dingen – denen, die die Stadt angehen – arbeiten wir vertrauensvoll zusammen.

Die CDU hatte nach der Wahl gesagt, sie biete die Zusammenarbeit an. Und Sie hatten ein Gespräch angeboten. Noch gab es das nicht... 

Das stimmt. Aber ich habe mindestens zweimal einen Termin angeboten, der dann nicht passte. Der Wahlkampf wurde hässlich, deshalb hatte ich mich auch entschieden, dass wir gemeinsam darüber nachdenken, wie wir damit umgehen. Aber ich trenne mittlerweile zwischen Streit oder persönlichen Angriffen und der sachlichen Auseinandersetzung. Das geht, auch die CDU versteht das und macht sachlich mit. Ich weiß mittlerweile aber: Wer dünnhäutig ist, gehört nicht hierher.

Sind Sie also hartschaliger oder zynischer geworden? 

Ich versuche mich immer wieder an der sachlichen Auseinandersetzung. Und wenn es einmal nicht klappt, werde ich es auch ein zweites oder drittes Mal sachlich angehen.

Tangermünde ist schön. Ketzerische Frage: Ist das das einzige Kapital? 

Nein, die Bürger und Unternehmer sind ebenso wichtig. Es gibt viele starke Initiativgruppen. Die Bürger haben Unternehmergeist und riskieren etwas. Das betrifft beispielsweise den Hansering, oder auch die Hansepark-Händler. Ich freue mich, wenn in unserer Stadt investiert wird, wie beispielsweise durch das DRK. Wir haben ein attraktives Vereinsleben mit vielen Aktionen, wie beispielsweise den Marathonverein.

Allerdings sehe ich meist Senioren in der Stadt. 

Ich gebe Ihnen Recht: Die Tagestouristen sind in der Regel älter. Aber es gibt auch Zahlen, über die ich mich sehr freue: Die Kitas sind übervoll, und wir haben Probleme mit zu wenig Bauland, weil junge Familien hierher ziehen.

Dennoch könnte es mehr Angebote für jüngeres Publikum geben? 

Ehrlich gesagt, teilweise tut mir die Jugend heute generell etwas leid. Wir hatten es früher besser: Wir hatten unsere Treffpunkte. Es gab den Elbpark in Tangermünde und den Jugendclub, darüber hinaus in Stendal den Waldfrieden. In der heutigen Situation gibt es Angebote – durch das Shalomhaus zum Beispiel. Aber manche Jugendliche lehnen das ab. Sie wollen lieber Treffpunkte ohne Aufsicht haben. Wenn es ruhig zugeht, ist es nicht das Schlimmste. Es gibt aber auch Mitbürger, die fühlen sich von den Jugendlichen gestört.

Wirtschaftlich steht einiges an: Die „Hafen City“ beispielsweise, die Hotel und Tagungszentrum sein soll. 

Das ist auf der einen Seite gut: Ein Unternehmer will investieren, und Tangermünde kann dadurch Bekanntheit gewinnen. Auf der anderen Seite ist es nachvollziehbar, dass es auch Unternehmer gibt, die das als Bedrohung ansehen.

Weiter auf der To-Do-Liste wären Investitionen für die Feuerwehr in den kommenden zehn Jahren. Der Investitionsbedarf an Fahrzeugen beläuft sich auf knapp zwei Millionen Euro. Hinzu kommen Gerätehäuser. Da steht etwa das Feuerwehrhaus in Langensalzwedel an... 

Die Planung dafür ist abgeschlossen.

Und wird dann auch bald gebaut wie gedacht? 

Wir hatten Fördergeld vom Land beantragt. Leider ist gerade erst die Ankündigung einer Absage für Geld vom Land eingegangen. Wir werden aber weiter versuchen, alle Möglichkeiten zur Förderung zu nutzen. Dasselbe Problem haben wir ja leider auch mit der Erneuerung des Sportzentrums am Waldschlösschen. Die anvisierte Förderung durch das Land war 14-fach überzeichnet.

Wie läuft es mit der Weiterentwicklung des Industriegebietes? 

Wir machen uns derzeit Gedanken, wie wir planungsrechtlich weitere Flächen ausweisen können, um Interessenten Land zur Verfügung stellen zu können. Konkrete Anfragen von Unternehmen haben wir aber derzeit nicht.

Wenn sie Tourist wären, was würden Sie sich in Tangermünde wünschen? 

Ich war erst kürzlich im Urlaub in Trier. Da geht man durch die Stadt mit seinem geschulten Auge: Was Bausünde ist, wo Dreck ist, wo nicht. Tangermünde ist da teilweise um Klassen besser. Mit realistischem Auge bemerke ich, dass manchmal wenig Leute in der Innenstadt sind – aber das wechselt, an anderen Tagen sind es sehr viele. Aber was fehlt? Sagen Sie es mir.

Regine Schönberg vom Hansering würde sich einheitliche Öffnungszeiten am Samstag wünschen... 

Das versucht der Hansering, seit es ihn gibt. Tatsächlich wäre es wichtig, sich zu einigen. Aber Sie müssen sehen: Hier sind 60 bis 70 Kaufleute, die als Unternehmer alle unterschiedliche Erfahrungen haben. Das ist schwer unter einen Hut zu kriegen. Aber wir sind immer noch besser und belebter als andere Städte.

55 Flüchtlinge leben derzeit in Tangermünde. Wie kann man sie bewegen, hier zu bleiben? 

In deren derzeitiger Situation ist für uns die Entscheidung, ob sie hierbleiben, untergeordnet: Erstmal geht es ums Ankommen. Natürlich werden viele zu ihren Familien in größere Städte ziehen. Wir tun solange, was möglich ist, um ihnen Ansprechpartner zu sein. Wir haben engagierte Bürger. Die Katholische Kirche engagiert sich sehr, die CDU-Frauen, es gibt Integrationslotsen. Ich bin sehr froh, dass es bei uns noch nicht zu „Hass-Kriminalität“ gegen Flüchtlinge gekommen ist.

Wie finden die Flüchtlinge Tangermünde? 

Es sei klein und idyllisch, erzählt man mir, Es sind freundliche Leute, wie ich sie bisher kennengelernt habe. Natürlich gibt es – wie bei Einheimischen – auch unangenehme Menschen darunter. Aber das wird auch schnell hochstilisiert. Die klar überwiegende Anzahl der Asylsuchenden ist sehr angenehm.

Kommentare