„Schuss“ empört Stadträte

Bürgermeister entschuldigt sich nach verbaler Entgleisung in der Kulturhaus-Debatte

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Im Juni 2014 hatte Staatssekretär Klaus Klang (kl. Bild v.l.) das Kulturhaus besucht und schon damals im Gespräch mit Einrichtungsleiter Sven Biermann und Bauamtschef Erich Gruber Fördermittel für den Erhalt des Hauses in Aussicht gestellt.

Tangerhütte. Obwohl den „Schuss“ nicht alle Anwesenden gehört haben, sorgte eine mit diesem Begriff verbundene verbale Entgleisung von Tangerhüttes Bürgermeister Andreas Brohm (parteilos) gegenüber den Stadträten der Einheitsgemeinde in deren Mittwochssitzung für heftige Empörung und eine Auszeit von zehn Minuten.

Anschließend senkte das Stadtoberhaupt das seinige und entschuldigte sich. Ob die Sache damit ausgestanden ist, darf bezweifelt werden.

Im Juni 2014 hatte Staatssekretär Klaus Klang (kl. Bild v.l.) das Kulturhaus besucht und schon damals im Gespräch mit Einrichtungsleiter Sven Biermann und Bauamtschef Erich Gruber Fördermittel für den Erhalt des Hauses in Aussicht gestellt.

Entzündet hatte sich der Streit beim heiklen Thema Kulturhaus-Erhalt. Vorweggegangen war eine recht sachliche Debatte darüber, wie man dafür nötige Konzepte und Finanzen organisieren kann. Der Vorschlag Wolfgang Kinszorras (SPD), Studenten der Hochschule Anhalt aus Dessau in die Ideenfindung einzubeziehen, fand Zustimmung bei seinen Stadtratskollegen. Im Rahmen von Semesterarbeiten, die bis Februar zu erarbeiten sind, sollen die Jungakademiker darüber grübeln. Grundlage dafür ist die favorisierte Sanierungsvariante zwei, die den Abriss des Bühnenhauses und anschließender Bauteile bei gleichzeitigem Erhalt von Saal und Vorderhaus vorsieht.

Für Kritik sorgte, dass die Verwaltung ohne Beschluss des Stadtrates im Jahr 2013 bereits 20 000 Euro für Grundlagenanalyse und Vorplanung ausgegeben haben soll. Kinszorra fühlt sich sogar vom damals amtierenden Verwaltungschef, dem Bauamtsleiter, belogen, weil dieser nur von unverbindlichen Gedankenspielen gesprochen habe. Brohm stellte sich vor seinen (nicht anwesenden) Stellvertreter und stand somit selbst in der Kritik. „Sie stehen doch gar nicht hinter dem Vorschlag, das Kulturhaus zu erhalten“, schimpfte Marcus Graubner (CDU).

Als Werner Jacob (CDU) von einem Besuch im Magdeburger Bauministerium in dieser Woche berichtete, hatten sich die Wogen zwischenzeitlich wieder beruhigt. In den Gesprächen sei es darum gegangen, welches Förderprogramm für das Projekt das erfolgversprechendste sei. Die Empfehlung der Experten: Knapp 260  000 Euro winken aus dem Programm „Kleine Städte und Gemeinden“. Vor-aussetzung, den Zuschuss zu bekommen, ist ein korrekt formulierter, pünktlich eingereichter Förderantrag. Bis Ende November müsse der vorliegen, inklusive hieb- und stichfester Argumentation über die Bedeutung des Hauses für die Region.

Brohm verwies auf das in Arbeit befindliche „Integrierte Stadtentwicklungskonzept“ für die Einheitsgemeinde, das dieses Thema beinhalte. Den Stadträten reichte das nicht. Sie verdonnerten die Verwaltung per Beschluss, bis zur nächsten Sitzung Anfang November ein Nutzungskonzept für das Kulturhaus vorzulegen. Ein Ansinnen, das der Bürgermeister zunächst als schlicht unmöglich, weil viel zu kurzfristig, von sich wies. „Ein Konzept, über das Sie drei Jahre diskutieren, soll ich nun in vier Wochen machen“, platze es aus ihm heraus. Dann viel der unrühmliche Satz mit dem „Schuss“.

Später bemühten sich beide Seiten wieder um Sachlichkeit, obwohl es weitere Hühnchen zu rupfen gab. Brohms negative Äußerungen zum Kulturhaus in einem Spiegel-Online-Artikel sorgten ebenso für Unmut wie ein mögliches Projekt, Hallen des früheren Eisenwerkes für Kultur neu zu beleben. „Ich erwarte eine rechtzeitige Information des Stadtrates durch den Bürgermeister über solche Vorhaben“, war es wieder Kinszorra, der dem Stadtoberhaupt die Leviten las. Damit würden die Bemühungen, das Kulturhaus zu erhalten, torpediert. Brohm versicherte, dass es (noch) keine konkreten Pläne dafür gebe und einzig und allein der Landkreis die Verantwortung für die Umsetzung dieses Bundesprojektes trage. Seine Beteuerung: „Ich bin nicht gegen dieses Kulturhaus“, nahmen dem Bürgermeister nicht alle Stadträte ab.

Von Christian Wohlt

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