Zwei afghanische Familien ringen dem Tangerhütter Boden Wassermelonen ab / „Wir schaffen das“

Vom Flüchtling zum Gärtner

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Isaa Rahimi holt die erste Beute aus dem Wassermelonen-Feld. In Afghanistan baute er auf zehn Hektar Feldpflanzen an.

Tangerhütte. Der Boden Tangerhüttes bringt einige Getreidesorten hervor und etwas Eisen. Und schöne Frauen, sagt eine Tangerhütterin. Also gut: . . . und schöne Frauen. Aber Wassermelonen? Nie im Leben. Oder doch? Doch. Das beweisen die neuen Nachbarn im Ort.

Zwei Flüchtlingsfamilien aus Afghanistan haben nun bewiesen, dass auch das geht.

Die Sonnenblumen sind nur da, weil sie so schön sind: Schaima und Gulmohamed Fasli mit Tochter Somaia, Manfred Hain, Mussume mit Vater Isaa Rahimi und dessen weitere Kinder Nassir und Hadisse und seine Frau Fatimah (v.l.).

Gestern wurden die ersten Früchte geerntet. Eine Wassermelone, nicht riesig, aber wohlschmeckend, landete auf den Tellern. Isaa Rahimi aus der Provinz Kunduz war in der Heimat selbst Landwirt, er baute Melonen auf zehn Hektar an. Im Flüchtlingsheim Tangerhütte lernte seine Familie die des KFZ-Mechanikers Gulmohamed Fasli aus Kabul kennen. Durch das „Netzwerk Neue Nachbarn“ wurde den Familien, die etwas schaffen wollten, ein Acker eines Bauern am Tangerhütter Stadtrand vermittelt – hier begannen sie eine Art Schrebergarten für Flüchtlinge aufzubauen. Viel Arbeit.

Jetzt wird gekostet: Die Kerne bitte liegen lassen, die kann man noch gebrauchen, heißt es am Tisch.

Aber die Arbeit trägt buchstäblich Früchte: Zwiebeln, Tomaten, Zucchini, Möhren oder eben Melonen. Dazu eine Lauchart, deren Stängel nach Schnittlauch schmecken – „Die Samen mit der Post aus Afghanistan geschickt“, sagt Rahimi. Am Tisch grinsen da alle schelmisch. Und der Lauch schmeckt. Der Boden sei gut, sagt er, aber es fehlt etwas Sonne. Er, sein Freund Gulmohamed und ihre Familien wollen auch im kommenden Jahr wieder Gemüse ziehen. „Wir kennen jetzt den Boden und das Wetter“, sagt Gulmohamed: Man weiß mittlerweile mit dem milden Klima umzugehen.

Manfred Hain, ein Helfer des Netzwerks, betreut die Familien. Er haut die Anekdoten über die zwanglos anpackenden Neubürger raus: Im Februar, erzählt er, haben die die Tomatensamen einfach so aufs Feld geworfen. „Das wird so nix“ habe man ihnen gesagt. Es werde noch kalt, die Samen schaffen das nicht. Doch, sagten die Afghanen, das wird was. Sie zogen eine Plaste-Plane über das Beet – imitierten somit ein Treibhaus. „Wir schaffen das“, habe man sich gesagt. Ein Satz wie aus Merkels Munde. Dasselbe machten sie auch bei den Wassermelonen. Mit Erfolg.

Die Samen für die Wassermelonen hatten sie übrigens nicht aus dem Gartencenter – sie brauchten nur eine Wassermelone. Beim Kosten der ersten Melonen bitten sie darum, die Kerne aufzuheben. Die werden eingepflanzt.

Von Kai Hasse

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