Nach dem letzten Stör-Fang vor 84 Jahren in Arneburg soll der Wanderfisch wieder heimisch werden

Zukunft für die Riesen der Elbe

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Neun Kinder am Rücken sowie zwei Männer an Kopf und Schwanzflosse setzen sich 1932 in den Arneburger Elbsand, weil ein spektakulärer Fang an Land gehievt worden ist. Das Farbfoto vom Riesen-Stör stammt aus dem Heimatmuseum der Kleinstadt. 

Arneburg/Magdeburg. Lebendes Fossil, Fisch des Jahres, Wegbereiter für Lachs, Schnäpel, Maifisch und Meerforelle – aber leider ausgestorben.

Der europäische Stör hat in Arneburg zuletzt für großen Wirbel gesorgt, als ein Mega-Exemplar des bis zu 300 Kilogramm schweren und bis zu 3,5 Meter langen XXL-Fischs aus dem Elbwasser der Altmark-Kleinstadt gehievt wurde. Ein historisches Farbfoto im Heimatmuseum von Arneburg stellt das Ereignis bis heute eindrucksvoll in Szene. Der Fang von 1932 gilt auch 84 Jahre später noch als spektakulär, denn der Arneburger Stör hatte eine solche Dimension, dass sich in seinem Rücken neun Kinder sowie je ein ausgewachsener Herr hinter Schwanzflosse und Kopf in den Elbsand setzen konnten, um mit dem Riesen-Stör gehörig in die Fischfang-Historie des Ortes eingehen zu können.

Ausgewachsene Störe galten als wahre Ungetüme. Sie gingen den Elbfischern bis in die 1930er Jahre in die Netze. Mit ihrer Masse und Größe stellten sie selbst den Wels in den Schatten. Ablaichplätze hatte der Stör zuletzt auf kiesigem Grund bei Magdeburg. Noch 1939 galt das Gebiet unmittelbar vor dem Cracauer Wehr als beste Fang-strecke für den Fisch. Bis Ende des 19. Jahrhunderts galten Störe als wichtiger Bestandteil der Lebensgemeinschaft der Flüsse Norddeutschlands. Sie wanderten in großer Zahl bis Magdeburg und waren historisch in allen Zuflüssen zu Ost- und Nordsee heimisch. Durch die Umweltverschmutzung und Gewässerverbauung als Folgen der industriellen Revolution wurden die Lebensgrundlagen des Störs weitgehend zerstört. Drastische Überfischung besiegelte sein Schicksal Anfang des 20. Jahrhunderts. Der letzte Störbestand in Deutschland existierte bis 1969 in der Eider, dem längsten Fluss in Schleswig-Holstein. Ein Aktionsplan des Bundes will den Fisch seit 2010 wieder heimisch machen.

Zuletzt ist nur wenige Flusskilometer vom einstigen Riesenfang von Arneburg im brandenburgischen Lenzen (Landkreis Prignitz) der 10000. Jungstör ausgewildert worden. Erste markierte und teils mit telemetrischen Sendern ausgestattete Störe hatten sich bereits 2008 auf ihre Reise in die Elbe begeben. Um eine bessere Zukunft für die Riesen kümmert sich auch die Gesellschaft zur Rettung des Störs, die ihren Sitz in Rostock hat.

Um eine zweite Chance für den Europäischen Stör und um den Riesen-Fang von vor 84 Jahren auf altmärkischen Boden geht es auch am Donnerstag, 20. Oktober, im Museum für Naturkunde in Magdeburg. Karl-Heinz Jährling aus dem Ökologie-Ressort des Landesbetriebs für Hochwasserschutz (LHW) spricht zum Thema Wiederbesiedlung unter der bewusst provokanten These „Eine Vision auf dem Weg zur Realität oder zum Stör-Fall?“ Der Vortrag beginnt im Museum an der Otto-von-Guericke-Straße 68/73 um 19 Uhr, teilt Sprecher Marcus Pribbernow der AZ mit. Der Eintritt ist frei.

Von Antje Mahrhold

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