Stalking-Opfer können sich beim Verein „Miß-Mut“ beraten lassen / Steigende Fallzahlen

„Wollen Hilfe zur Selbsthilfe geben“

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Wenn Liebe zum Wahn wird - Das Phänomen Stalking

Stendal. Sie werden immer wieder angerufen, bekommen Text- und Sprachnachrichten über Mobiltelefone und soziale Medien. Im schlimmsten Fall bedroht man sie oder lauert ihnen auf. Wer Opfer von Stalking, zu deutsch Nachstellung, wird, lebt oft in Unsicherheit und Angst.

Beraterin Annett Kuckuck (l.) arbeitet seit 2014 in der Interventionsstelle. Heike Busenthür (M.) und Astrid Elling übernehmen Vorstandstätigkeiten.

„Meistens sind es Expartner, die eine Trennung nicht überwinden können“, weiß Annett Kuckuck. Zusammen mit Janin Schlieker ist sie Beraterin beim Verein „Miß-Mut“ in Stendal und kümmert sich auch um Stalking-Opfer. Betroffen seien zu 95 Prozent Frauen. „Männer sind auch von Stalking betroffen, aber Frauen kommen eher zu uns. Unser Beratungsangebot richtet sich natürlich an beide Geschlechter“, so Kuckuck im AZ-Gespräch. Das Internet und soziale Netzwerke machen es Stalkern/innen oft leichter, ihren Opfern nachzustellen. „Die Fallzahlen sind in den vergangenen Jahren angestiegen.“, so Heike Busenthür, Vorstandsvorsitzende bei „Miß-Mut“. Sie wird in ihrer Vorstands-Arbeit von Sybille Stegemann und Astrid Elling unterstützt. Über 100 Fälle sind es pro Jahr in der Interventionsstelle, schätzt Busenthür. Jeder Fall benötige in der Regel zwischen ein bis drei Beratungstermine.

Doch vor der Beratung durch die geschulten Mitarbeiterinnen steht zunächst einmal die Kontaktaufnahme mit der oder dem Geschädigten. „Das lässt sich in drei Gruppen aufteilen“, berichtet Kuckuck, „wir haben die Selbstmelder, die aus eigenem Antrieb zu uns kommen. Wir haben den Zugang über Dritte, also Familienmitglieder, Freunde oder Arbeitskollegen. Und wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen.“

Sobald die Polizei zu einem Delikt mit häuslicher Gewalt gerufen werde, würden die Beamten die Opfer fragen, ob sie eine Beratung benötigen und wünschen. Natürlich unter Gewährleistung des Datenschutzes. „Wir bekommen dann die Kontaktinformationen, stellen uns telefonisch vor und bieten eine Beratung an. Das ist kostenlos und unverbindlich“, so Kuckuck. „Aber wir bieten hier keine Therapie“, betont Heike Busenthür, „wir können und wollen Hilfe zur Selbsthilfe geben.“

Es geht darum, herauszufinden, wie die momentane Situation ist, wie die Vorgeschichte aussieht und ob es Risikofaktoren gibt. Hat der Aggressor Drogen- oder Alkoholprobleme? Verfügt er oder sie über Waffen? Auch Sicherheitspläne werden besprochen, etwa, wie sich Opfer in ihrer Wohnung im Ernstfall einschließen können. „Wenn der Stalker und das Opfer gemeinsame Kinder haben, ist es besonders schwierig“, weiß die Beraterin.

Die zwei Mitarbeiterinnen der Interventionsstelle fahren für Gespräche auch zu den Betroffenen. „Wir sind für die Landkreise Stendal und Salzwedel zuständig. Das sind teilweise sehr lange Anfahrtswege“, sagt Kuckuck. Hinzu kommen Aufgaben wie die Vermittlung von Rechtsanwälten, regelmäßige Gespräche mit der Polizei und die Aufrechterhaltung von Kontakten zu Netzwerkpartnern wie unter anderem dem Frauenhaus.

„Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass die Abläufe schneller gehen, etwa, wenn Frauen Anzeige erstatten. Und natürlich gehen wir davon aus, dass das Land die Interventionsstelle auch in den kommenden Jahren weiterhin fördert“, hofft Busen-thür. Die Interventionsstelle für Opfer häuslicher Gewalt & Stalking existiert, neben der Beratungsstelle für Opfer sexualisierter Gewalt, seit 2007.

Von Mike Höpfner

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