Klassische Musik gegen moderne Popmusik: Domkantor Johannes Schymalla im Streit um Harmonien und Rhythmen

„Wagner lässt keinen Jugendlichen kalt“

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Kürzlich gab Johannes Schymalla zu seinem zehnjährigen Dienstjubiläum als Domkantor ein Konzert, bei dem auch Melodien aus „Star Wars“ gespielt wurden. Teile davon gehen übrigens auf Gustav Holsts „Planeten“ zurück, wie er erwähnt.

Stendal. Seit zehn Jahren ist Johannes Schymalla (39) Domkantor in Stendal. Mit AZ-Redakteur Kai Hasse ließ er sich auf ein freundliches Streitgespräch ein über die Frage, wie öde eigentlich Klassische Musik ist – oder wie oberflächlich die Pop- und Rockmusik.

Herr Schymalla, ist klassische Musik nicht langweilig? Wer gerade mit Jugendlichen darüber redet, bekommt den Eindruck. 

Leider ist vielen Menschen das Hören abhanden gekommen. Man wird heute eher eingelullt damit, wie ein heutiger Standard sein muss. Dann fällt es schwer, noch richtig hinzuhören – so hört man heute eher Bandsalat. Also nein, klassische Musik ist nicht langweilig. Eher im Gegenteil.

Man hat bei klassischer Musik aber manchmal Mühe, ein musikalisches Motiv herauszuhören. Irgendwas, das im Kopf bleibt. Ein Ende von Beethoven-Symphonien geht so: Bääm bääm bääm, immer selber Akkord, Pause, Bääm! Pause, Bäm! Und wenn man mittendrin reinhört, ist da Melodiesalat, der nicht grad ins Blut geht. Keine Gassenhauer...

Klassische Musik wurde aufgeführt für spezielle Anlässe. Sie beim Schreinern oder Kochen nebenher zu hören – dafür war sie nie angelegt. Früher hatte man Verständnis dafür, dass sich Stücke nur langsam aufbauen. Man hat sich mehr Zeit genommen, die Musik aufzunehmen und zu verarbeiten. Aber es ist auch unterschiedlich von Komponist zu Komponist. Bei Mozart reiht sich ein Gassenhauer an den nächsten. Bei Bach nicht. Grieg könnte man einfach nachpfeifen – Debussy nicht. Aber klassische Musik ist vielschichtig und hat eine emotionale Kraft, die es in der Popmusik nicht gerade gibt.

Da würden viele widersprechen: Sie müssen sich das Stück „November Rain“ von Guns’n’Roses anhören oder das Video ansehen. Da wird eine Tragödie über den Tod einer Braut erzählt. Am Ende steigt da der Gitarrist auf den Flügel des Sängers und spielt eine quälende Elegie, die sich einem in die Seele brennt. 

Vielleicht, ja. Aber schauen sie sich Popmusik genauer an. Überspitzt gesagt, findet die zu 99 Prozent im Vier-Viertel-Takt statt, dabei so gut wie keine Variationen im Rhythmus oder in der Harmonie. Die klassische Musik erzeugt damit aber eine wahnsinnige Spannung, die sich schließlich in einer Art Explosion entlädt.

In der Electro-Musik gibt es so etwas samt Begriff: Ein „Drop“ ist am Ende einer ewig aufgeladenen Musiklinie, ab der die Musik in ihrer Intensität plötzlich abfällt und dann mit anderem Muster weitermacht.

Wenn ich in heutige populäre Musik hineinhöre, wie in Metal, ist mein Eindruck: Es muss immer laut sein, immer hart. Ob sie da vorn oder hinten in einem Stück reinhören: Da hat sich nichts geändert. Wenn ich mich da drei Minuten anschreien lasse, sind meine Ohren verstopft und ich höre auf. Dazu im Kontrast: Wenn Beethoven beispielsweise seine 5. Symphonie – Tatata Taa, kennt jeder – anstimmt, kommt danach ein langer Aufbau unterschiedlicher Themen. Und schließlich dann diese harten Schläge zum Schluss, die Sie ansprechen. Die braucht man als Hörer auch, um alles zuvor „abzubauen“. Ein Metal-Spieler würde als Parallele vermutlich seine Gitarre zertrümmern.

Spielen wir ein Spiel. Ich singe etwas vor, Sie raten, was es ist. 

Okay.

Da-dadaa... (Gefangenenchor aus Verdis „Nabucco“) 

Das ist eindeutig: Verdis Gefangenenchor aus Nabucco.

Nein. Hansi Hinterseers „So ein schöner Tag“. Aber... natürlich Nabucco. Hinterseer hat die Melodie einfach übernommen. Dasselbe gilt übrigens für Stings „Russians“ – eins zu eins die Melodie einer Suite von Prokofijew –, oder mit „All by myself“ von Eric Carmen oder Celine Dion. Die Melodie stammt deckungsgleich aus Rachmaninoffs zweitem Klavierkonzert. 

Ich habe das Gefühl, Popmusikern fällt nichts mehr ein. Und sie flüchten sich in alte Melodien, verarbeiten es dann billig mit immer wieder dem gleichen Takt und legen Beatsoße drüber. Interessant fand die Show „Rock the Classics“: Darin ließ er etwa die Volk-Brass-Gruppe „LaBrassBanda“ Mozarts „Dies Irae“ spielen, oder die Metal-Band „Eluveitie“ den „Tanz in der Halle des Bergkönigs“ von Grieg. Die Musiker haben jeweils ihre eigene Art gefunden, die klassische Musik mit ihrem Stil aufzuführen.

Welche Musik würden Sie jungen Leuten als Einstieg empfehlen?

Es gibt da sehr vieles. Mahlers Adagietto vielleicht. Für viele ist es das Allerschönste auf der Welt. Es schwillt auf und ab, wird immer wieder zurückgenommen, schwillt wieder an. Man will, dass das nie aufhört! Ich glaube, Wagners Vorspiele lassen keinen Jugendlichen kalt. Aber was die Jugend cool findet, ist für jeden unterschiedlich. Mit Rachmaninoff, Wagner oder Gustav Holst können viele etwas anfangen. Das ist emotional und aufregend. Meinem sechsjährigen Sohn biete ich beispielsweise Holsts „Planeten“ an, was er mag. Toll findet er aber auch „Le Sacre du Printemps“ von Stravinsky...

Uff. Das ist harter Stoff. Da ist wenig Eingängiges für den Anfänger bei... 

Ja, aber es mag das Schlagwerk. Und Le Sacre du Printemps ist Schlagzeug pur.

Welche moderne Musik mögen Sie selbst? 

Ich höre sie fast gar nicht. Ich habe als Jugendlicher Depeche Mode oder die Ärzte gehört. Dann bin ich zu klassischer Musik umgestiegen.

Man bekommt oft den Eindruck, die Aufwändigkeit, samt Orchester und Profi-Musikern, ist den Hörern wichtiger als die eigentliche Schönheit des Produktes. Hauptsache umständlich, egal ob es schön ist... 

Nein. Es gibt auch ältere Musik, die sehr einfach strukturiert – und trotzdem einfach toll ist, alle Emotionen hat, von Aggression bis Verliebtsein. Das hat Sting aufgenommen. Er hat zusammen mit einem Lautenisten Lieder von John Dowland interpretiert, mit großem Erfolg. Es gibt auch in der „großen Musik“ simple Arrangements. Viele stehen darauf, Duos zu hören, oder Klavier solo. Aber es gibt eben auch die Musik, die den großen Aufwand braucht für die Fülle des Klangs. Was mich aufregt, sind moderne Musiker, die sich Orchester engagieren, damit ihr Stück schön voll klingt. Aber dann merkt man, dass die einzelnen Stimmen nur simple Melodien spielen, heiße Luft, endlos.

Wenn er noch leben würde, was hätte Bach über heutige Popmusik gedacht? 

Von Bach weiß man, dass er ein sehr familiärer Mensch war, und im Kreis der großen Bachfamilie wurden auch sehr einfache Stücke musiziert. Er hatte eine Bindung zur Volksmusik seiner Zeit. Aber das, was heutzutage im Radio läuft, das hätte er auch nach drei Minuten ausgemacht.

Sie sind seit zehn Jahren hier. Was haben sie geschafft, was kommt noch? 

Der Domchor war schon damals gut aufgestellt. Aber auch die Kinder- und Jugendarbeit läuft gut. Als ich anfing, waren da etwa 30 Kinder und Jugendliche. Heute sind es fast 80, die regelmäßig in den Chören singen. Darauf bin ich schon stolz. Ich hätte gern eine Große Kantorei – von Klein bis Groß.

Wenn man heute in klassische Konzerte geht, sitzen da viele Leute mit grauen Haaren. 

Das ist wohl so. Es ist schwer, junge Leute an klassische Musik heranzuführen. Ein Problem ist, dass man klassische Musik eben nicht nebenbei hören kann. Mir scheint, die Zeit zum Hinhören ist verlorengegangen. Für viele Jugendliche ist es total strange, sich eine Stunde Zeit zu nehmen, um Musik wirklich zu hören. Und für mich wirkt es dagegen total bescheuert, dass alle emotionale Musik wollen – und dann eben nicht klassische Musik hören. Popmusik will fesseln – und gerade das kann klassische Musik. Aber man muss offenbar herangeführt werden und den Mut haben, länger hinzuhören. Wenn Musik aufregend und brachial ist, aber dann auch ganz brüchig wird und abfällt. Diese abgrundtiefe Schwere, die entsteht, der Tiefpunkt, die Emotionen darin. Es geht vielleicht nicht immer um die spektakulären Höhepunkte, sondern auch um die Tiefpunkte. Suche die Tiefpunkte, sagte eine Lehrerin von mir. Sie sind viel wichtiger. Es könnte für Jugendliche eine Entdeckung sein.

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