Muslimische Gemeinde feiert Abschluss des Ramadan

Zuckerfest in Stendal: Verziertes Herz in der Schule des Lebens

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Eine Kindergruppe aus der Kita „Bubila“ – Bunte Bildungs-Landschaft – der Volkssolidarität kommt beim Zuckerfest zu Besuch.

Stendal. Endlich Döner. Die Muslime Stendals dürfen wieder bei Tageslicht essen. Der Ramadan, die Fastenzeit, ist vorbei. Gestern hat die muslimische Gemeinde ihr Zuckerfest gefeiert – eine Art „Fastenbrechen“.

Aber der Ramadan ist einiges mehr als Fasten und danach Essen. Es geht um Glaube, Lehre und Gemeinschaft. Und es war das erste große Fest, das die durch den Flüchtlingszuzug stark angewachsene Gemeinde in ihrer neuen Moschee in der Lucas-Cranach-Straße gefeiert hat.

Vorbeter und Lehrer ist der Imam: Farag Abdelsalam (l.) mit dem Vorstandsmitglied der Gemeinde Dr. Abdul Saeed, der in jemenitischer Tracht gekommen ist und für den Imam ins Deutsche übersetzt. Nicht alle hier können Arabisch.

Etwa 300 Mitglieder der Gemeinde haben zusammen am Morgen gebetet. Mohamed Msaik, der Vorsitzende der Gemeinde, vor der Andacht: „Wir danken Allah für den Segen des Islams, der unsere Herzen verziert und unsere muslimische Welt mit den verschiedenen Rassen und unterschiedlichen Sprachen vereinigt.“ Er dankte allen, die bei den Renovierungsarbeiten für die neue Moschee, in der früher ein Club war, geholfen hatten.

In Reih und Glied ordnen sich die Muslime beim Gebet an eine geschmückte Banderole des Gebetsteppichs. Während der Andacht verfallen sie in ein stetes Murmeln und Singen.

Farag Abdelsalam, der Imam, macht in seiner Predigt deutlich, worum es beim Ramadan geht. Denn nicht nur das Fasten, sondern auch das Koranstudium ist ein essentieller Bestandteil. „Der Ramadan ist eine Schule“, sagt er. „Wir müssen an dem festhalten, was wir im Ramadan gelernt haben“. Und das sollte sein: das Verrichten von guten Taten und das Helfen. Alle Menschen seien wie Brüder und Schwestern. „Lasst uns helfen und Liebe verbreiten“, fordert Abdelsalam. Er beschreibt eine Geschichte, in der ein Nachbar immer seinen Müll vor die Tür eines Menschen räumt. Der wiederum räumt den Müll einfach weg. Als der Müll nicht mehr kommt, wird klar, dass der unliebsame Nachbar krank geworden ist. Dennoch hilft ihm dann derjenige, vor dessen Tür stets der Müll lag. Abdelsalam forderte auch, dass die Menschen ihren Eltern helfen und sie gut versorgen sollen, wenn sie es brauchen. Das Beten ist ein getragenes Singen und Murmeln, wie eine Meditation. Es gibt keine Kleidungsvorschriften: Männer in feinem Hemd oder jemenitischer Tracht Schulter an Schulter mit Männern im T-Shirt oder Deutschland-Trikot mit Mats Hummels’ Rückennummer.

Spielen nach dem Gebet: Die Moschee in der Lucas-Cranach-Straße ist erst seit Kurzem fertig. Früher war hier „Vickys Szene-Club“.

Dann darf gefeiert werden: Frauen, Kinder und Männer spielen auf dem Platz Fußball, stehen Schlange am Döner-Wagen, Kinder tollen in der Hüpfburg. Schon am Vortag hatten die Kinder der christlichen Nachbarschaft hier mit muslimischen Kindern gespielt, heißt es. Die Männer umarmen sich und wünschen sich Allahs Segen, auch der Reporter wird vielfach geherzt. Es wird geflachst über das Fasten: Sieben Kilo hat der Vorsitzende Msaik abgenommen. Auch wenn er an einigen wenigen Tagen ein wenig essen und trinken durfte, wenn er als Arzt schwer arbeitete. „Viele nehmen sogar zu“, meint er. Denn wenn der Hunger groß ist, wird bei Nacht geschlemmt – manchmal zu viel. Nebenbei widmeten sich viele den Schriften des Korans. Sich gerade an den langen Juni-Tagen so im Griff zu haben, nichts zu essen, ist das schwer? „Am Anfang schon“, sagt ein Gemeindemitglied. „aber ich bin damit aufgewachsen, man gewöhnt sich daran.“ Ein befreundeter Christ habe zusammen mit ihm ein wenig gefastet.

Seit neun Monaten sind diese syrischen Flüchtlinge in Deutschland. Sie laden zum Essen ein und beweisen gutes Deutsch.

Muslime aus der ganzen Altmark kommen. Und die Gemeinde ist auch ein Treff von Muslimen unterschiedlichster Länder: Nordafrika, arabische Staaten, aus dem Kaukasus oder Persien. Flüchtlinge aus Syrien laden zum kleinen Imbiss im Schatten ein, eine Kindergartengruppe aus einer nahegelegenen Kita kommt zu Besuch und wandert schnurstracks zu einer der Hüpfburgen. Und eine christliche Frau wird gebeten, sich am Dönerstand in eine Extra-Schlange für Frauen zu stellen, berichtet sie. Auch das ist Tradition. Die Frauen haben auch in einem anderen Raum als die Männer gebetet. Zum Teil gingen auch nur die Männer in die Moschee, während die Frauen zu Hause beten.

Im Wohnblock gegenüber steht eine Frau am Balkon und schaut hinüber. Nein, sie wird nicht hinüber gehen. Aber sie hat auch nichts gegen die neuen Nachbarn oder ihr Fest. „Wir haben ja auch unser Osterfest oder Pfingsten oder wasweißich. Die sollen schön feiern“, sagt sie.

Von Kai Hasse

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