Wortführerin gegen den IS: „Brauchen integre Politiker“

Stendaler Islamismus-Kritikerin sieht „Systemfehler“ der westlichen Welt

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Friedensbewegte Ingrid Fröhlich-Groddeck (78) mit einer ihrer zwei Katzen.

Stendal. Zu den 20 Erstunterzeichnern eines „Offenen Briefes“ an die Kämpfer und Anhänger des „Islamischen Staates“ (IS) gehört Stendalerin Ingrid Fröhlich-Groddeck.

In dem Papier des Internationalen Versöhnungsbundes distanzieren sich Christen von den Gewalttaten bestimmter muslimischer Gruppen. Die AZ hat mit der gebürtigen Tschechin gesprochen. Sie ist religiös, fühlt sich an keine Konfession und Partei gebunden und gehört zu den Urgesteinen der deutschen Friedens- und Ökologiebewegung.

Interview

Was stört Sie am IS. Die Kämpfer glauben doch an denselben Gott wie Sie?

Mich stört alles am IS. Ich bin für die absolute Gewaltfreiheit. Außerdem ist es nicht derselbe Gott. Ich glaube an die Macht der Gewaltfreiheit, an Jesus, der gesagt hat: „Liebe deine Feinde wie dich selbst. Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!“ Das ist meine Lebensphilosophie. Der Islamische Staat ist genau das Gegenteil. Im Übrigen weiß ich, dass der Islam ebenso eine friedliche Religion ist.

Inwiefern erntet der Westen nicht auch ein Stück weit das, was er gesät hat?

Aus meiner Sicht ist der IS geboren im Krieg in Afghanistan. Als zu Weihnachten 1979 die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte, sagte Brzezinski – Sicherheitsberater von US-Präsident Carter – dass jetzt die Sowjets ihren Vietnamkrieg hätten, weil sie in die afghanische Falle getappt seien. Die CIA holte 1980 arbeitslose Jugendliche als Söldner aus dem Orient über Pakistan nach Afghanistan. Sie wurden zu gut bezahlten Gotteskriegern ausgebildet gegen die Kommunisten. Dieser Krieg und die Atomkatastrophe von Tschernobyl haben dem sozialistischen Großreich das Genick gebrochen. Die Dschihadisten waren damals noch beherrschbar, doch mit jedem weiteren Krieg im Orient wurden sie stärker.

Das klingt unversöhnlich. Wie tief geht Ihre Kritik?

Augenscheinlich sind die Weltmachtansprüche der USA und auch die Ansprüche der führenden westlichen Industrienationen unfähig, aus ihren Fehlern zu lernen. Das weist auf einen Systemfehler hin. An die Aufteilung der Welt in Schurkenstaaten und eine Achse der Superguten glaubt doch selbst ein aufgewecktes fünfjähriges Kind nicht.

Wer und was verbirgt sich hinter dem Internationalen Versöhnungsbund?

Den Bund gibt es bereits seit mehr als 100 Jahren. Er wurde 1914 aus der Taufe gehoben, als es überall brodelte. Der Erste Weltkrieg konnte aber nicht mehr verhindert werden. Für mich ist das Ganze eine Herzensangelegenheit. Der Versöhnungsbund hat mich lange Zeit mit wertvollen Informationen versorgt, die ich in dieser Qualität sonst nicht bekam. Ich habe mich ihm schon immer verbunden gefühlt, seit 2015 bin ich nun auch offiziell dabei und zahle im Jahr 60 Euro Mitgliedsbeitrag. Jeder kann dort mitmachen, egal, ob er religiös ist oder auch nicht.

Wenn sich die Muslime untereinander schon nicht sonderlich grün sind. Wie soll es dann erst zwischen Muslimen und Christen klappen?

Es gibt auf beiden Seiten Leute, mit denen ich nichts zu tun haben will. Für mich geht die Grenze quer durch alle Religionen. Es gibt Christen, die ich abscheulich finde, und Christen, mit denen ich mich verbunden fühle. Genauso ist das mit den Muslimen. Mit all diesen Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle, möchte ich einen friedlichen Wandel herbeiführen.

Das klingt nach dem ganz großen Ansatz und hehren Absichten. Wie weit würden Sie für Ihre Ziele gehen?

Ich verletze niemanden. Gewalt gegen Lebewesen lehne ich ab. Ich würde vielleicht einen hohen Zaun durchschneiden, um voranzukommen. Doch selbst das habe ich bislang noch nicht gemacht. Ich bin dann drübergeklettert oder darunter durch.

Der Krieg in Syrien scheint eher an Schärfe zuzunehmen. In anderen Ländern gehen schon fast täglich Autobomben hoch. Menschen sterben. Wie soll da eigentlich eine Resolution, ein bloßes Stück Papier, helfen?

Jedes große Ziel braucht einen ersten Schritt. Der Buddhist sagt auch, der Weg ist das Ziel. Die Resolution ist geeignet, die einseitige Sicht, von einem mörderischen, aggressiven Islam und einem reinen friedliebenden Christentum zumindest aufzuweichen. Am schlimmsten sind jene, die sagen, um Recht zu schaffen, muss Unrecht begangen werden, wenn auch nur kurz. Ich bin 100-prozentig davon überzeugt, dass es gerade bei uns einer neuen Gesellschaft bedarf, und die kann und muss auch von Menschen gestaltet werden, die neu hinzugekommen sind. Wir brauchen integre Politiker, die sich nicht von Lobbyisten lenken lassen.

Sie halten Politik also für ein dreckiges Geschäft. Ähnlich äußert sich auch die AfD. Wo ist der Unterschied?

Ich bitte Sie, da ist ein großer Unterschied. Wobei man den Leuten dort zumindest einmal zuhören und sie nicht gleich zu Rechten machen sollte. Mir geht es um eine solidarische Gesellschaft, um ein weltweites Miteinander, eine wachsame Zivilgesellschaft. Die Welt von morgen müssen auch wir Bürger mitgestalten. Sonst wird es keinen Wandel geben. Dabei muss eben genau hingeschaut werden, was ist schützenswert in unserer Gesellschaft und was muss weg, weil es nicht zukunftsfähig ist.

Von Marco Hertzfeld

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