Stadt begrüßt neues Graffito und will der Kunst dennoch Grenzen setzen

Stendal soll nach „Waschtag“ nicht in Farbe ersaufen

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Das Graffito „Waschtag“ an der Hallstraße ist trotz Rüstung bereits zum Fotomotiv avanciert.

Stendal. Das neue Wandbild nahe dem Markplatz sorgt für Gesprächsstoff. Immer wieder wird Künstler Michael Braune angesprochen. Einige Passanten ziehen Vergleiche mit den Graffiti im Neubaugebiet – und der Daumen geht nach oben oder unten.

Die Arbeiten an der Hallstraße stehen kurz vor dem Abschluss. Die Stadt sieht das Projekt positiv. Ihr Sprecher Klaus Ortmann kurz und knapp: „Es passt wunderbar zum altstädtischen Ambiente und wertet die Baulücke auf. “ Einen regelrechten Boom soll es dennoch nicht geben: „Eine Überfrachtung des Stadtgebietes mit Bemalungen muss vermieden werden. “ Zudem sollte jedes Stadtgebiet, die farbliche Gestaltung betreffend, lieber getrennt betrachtet werden.

Dass Braunes neuestes Werk „Waschtag“ heißt, lässt sich bereits an der Wand oben rechts lesen. Der Künstler hat für seine historische Häuserzeile im Herzen der Stadt nicht zuletzt Braun- und Grautöne verwendet. Die Szene soll an frühere Zeiten erinnern, als Wäschereien, Färbereien und ähnliche Geschäfte die Straße dominierten. Das Graffito möge die Bürger zusätzlich für ihre Heimat begeistern und Identität stiften sowie natürlich auch Touristen ansprechen. Braune lässt wie auch schon anderswo einheimische Tiere auftreten. Es tummeln sich Waschbär, Eule, Storch, Fuchs und anderes mehr. Das Wandbild wird am 16. Juni offiziell eingeweiht.

Ob eine historische Ansicht besser zu Stendal passt als King Kong und Chamäleon anderer Sprüher, scheint Geschmackssache.

Ortmann sieht durchaus Raum für weitere Motive dieser Art. Stendal ist reich an Geschichte und Geschichten. Stichwort: Johann Joachim Winckelmann, Begründer der modernen Archäologie: „Wenn es gewollt ist, anlässlich der Winckelmann-Jubiläen Graffiti oder Bemalungen zu entwerfen und an baulichen Anlagen anzubringen, wären Vorlagen und Anträge für Genehmigungen einzureichen.“ Grundsätzlich sei übrigens zwischen einem Graffito und einer realistischen Bemalung zu unterscheiden. „Bei einem Graffito oder einer Bemalung handelt es sich nicht um eine bauliche Anlage im Sinne der Bauordnung, sondern kann Kunst am Bau sein. Genehmigungspflichtig im Sinne des Denkmalschutzgesetzes wäre ein Graffito oder eine Bemalung in einem Denkmalbereich oder an einem Einzeldenkmal.“ Des Weiteren gelte in der Stendaler Altstadt und in der Bahnhofsvorstadt die kommunale Gestaltungssatzung als öffentliche Bauvorschrift, wonach ebenfalls eine Genehmigung erforderlich sei.

„Eine Überfrachtung ist ebenso wenig wünschenswert wie farbliche Tristesse. Auf die Qualität kommt es an und es muss zum Objekt und zum Umfeld passen. Entwicklungen nach dem momentanen Zeitgeist unterliegen ja auch einem relativ schnellen Verschleiß“, so Ortmann gegenüber der AZ. Eine schöne Fassade und ein architektonisch gelungenes Gebäude seien zeitlos schön und bedürften meist keiner zusätzlichen Bemalung. Große, nackte Gebäudeflächen mit passenden Motiven zu gestalten, könne für das Ambiente einer Stadt aber eben durchaus belebend wirken. Insbesondere in Wohngebieten mit gleichartiger Bebauung wie Stadtsee biete die Kunst eine breite Palette auflockernder, fantasievoller Gestaltung. „Solche Wohnanlagen sind sich von Stadt zu Stadt zum Verwechseln ähnlich. Durch kunstvolle Graffiti und Wandbilder werden sie einerseits ein Stück unverwechselbar und andererseits fällt die Orientierung in den Quartieren leichter.“

Von Marco Hertzfeld

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