Vollverschleierungsverbot Thema beim ersten Bürger-Stammtisch der AfD

„Sind im Dilemma“ gegen Betrüger und Schmarotzer

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Freizeitszenen, wie sie etwa in München immer wieder einmal zu beobachten sind, bietet die Altmark bislang eher selten. Dennoch stören sich Teile der Bevölkerung an diesem Anblick.

Stendal. Zehn Intessenten zählt Stendals Kreis-Chef Dietrich Gehlhar am Sonntagvormittag in der ostaltmärkischen Zentrale der beim Wählervolk beliebten Neulinge des Politgeschäfts der Republik.

Bei der Premiere an dem von der AfD bundesweit ausgerufenen „Tag der totalen Grenzöffnung“ habe somit gut ein Drittel der aktuell im Landkreis 35 Mitglieder zählenden Partei den Weg zum Bürgerstammtisch in die Kreisgeschäftsstelle gefunden.

Am Tag des Urnengangs, der Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern dort zur zweitstärksten Kraft machen soll, wirbt der Tangermünder Gehlhar mit seinem Vize Matthias Büttner aus Stendal sowie Landtagsmitglied Ulrich Siegmund, ebenfalls ein Kaiserstädter, und dem Rolandstädter Burkhard Jochemzyk im Präsidium für einen „freien Meinungsaustausch“. An der Pinnwand hinter ihnen hängt ein Nietzsche-Zitat und mit dem Latein-Spruch „acta non verba“ (Taten, nicht Worte) eine Botschaft, der sich beispielsweise auch Junge Nationaldemokraten und Akteure des linksgerichteten Spektrums verpflichtet fühlen. Und doch vergehen keine zehn Minuten, als eine Dame im besten Alter ihre Sorge von „Asylanten, die überhand nehmen“ zur Sprache bringt. Die Altmärkerin erzählt von ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln, weil sie besorgt sei, wie sehr sich Deutschland verändere. „Wir haben diese Woche ein Vollverschleierungsverbot beantragt“, berichtet Siegmund. Aber der Vorstoß sei von „der Einheitspartei“ im Landtag abgelehnt worden. Und die 480 Millionen Euro, die Sachsen-Anhalt pro Jahr „für Asylpolitik“ aufbringe, seien nur genannt worden, „weil wir knallhart nachgefragt haben“, erklärt das Ex-CDU-Mitglied. 

„Wir erleben eine Polarisierung, die es so noch nie gegeben hat“, beklagt Stendals AfD-Kreischef auch die teuren Kosten des „Anschlags“ auf das Büro der Partei. Im Juli hatten bislang unbekannte Täter „mit massivster Gewalt“, so Gehlhar, Fensterscheiben zerstört und so einen Schaden von 6 000 Euro verursacht, der von der Versicherung getragen werde. Dennoch will die Partei diese Woche von der Polizeidirektion den Ermittlungsstand wissen. „Wie soll es nur weiter gehen in Deutschland“, fragt der Tangermünder dazu in die Runde.

Wutpotenzial sieht die Partei vielerorts. So etwa beim Geld für Landtagskollegen, weil etablierte Parteien in Magdeburg nach der Landtagswahl Fraktionszulagen um 15 Prozent erhöht hätten, ohne dass es dafür einen parlamentarischen Beschluss gegeben habe. Dies sei vor dem Hintergrund der Stimmverluste erfolgt, um Personal halten zu können. „Das stand noch in keiner einzigen Zeitung“, beklagt Gehlhar.

„Wir sind weder gegen Ausländer noch gegen Flüchtlinge, aber gegen Betrüger und Schmarotzer“, mutmaßt der Kaiserstädter im Flüchtlingsstrom massives Potenzial für Unredlichkeit. Und weiß: „Wir stecken in einem Dilemma, auf der einen Seite wollen wir helfen, auf der anderen Seite werden wir aber verklapst“, gibt er zu bedenken. Und stellt wie nebenbei unter Beweis, dass auch seine Partei keine homogene Masse ist. Denn von seinem obersten Landeschef ist die Öffentlichkeit ja deutlich rassistische Provokationen gewohnt.

Von Antje Mahrhold

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