Michael Kleemann über die Arbeit von Feuerwehren, Rettungsdiensten und die Hilfe der Notfallseelsorge

Seelsorge bei Unfällen: Hilfe für „die Schippe Dreck auf der Seele“

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Michael Kleemann, 57 Jahre, in der Umkleide der Feuerwehr: Alle hier, auch er selbst, brauchen nach einem schweren Einsatz auch mal das „Verschnaufgespräch“.

Stendal. Seelsorge findet nicht nur in der Kirche statt. Sie gehört auch zur Nachsorge nach Unfällen, Bränden oder anderen Unglücken in der Region.

Michael Kleemann, Vater zweier Söhne und dreifacher Großvater, ist seit 20 Jahren überzeugter Notfallseelsorger. Seinen Beruf als Pfarrer und Superintendent bezeichnet er als „den schönsten der Welt".

Michael Kleemann, Superintendent des Kirchenkreises Stendal, lebt beide Rollen: Er ist Seelsorger als Pfarrer, und obendrein Notfallseelsorger bei Unglücken. Mit AZ-Redakteur Kai Hasse sprach er über die Seelsorge nach dem Verkehrsunfall und die Rolle der Kirche in seinem Leben.

Herr Kleemann, Sie sind Notfallseelsorger. Legen Sie mal los, erklären Sie das mal. 

Die Notfallseelsorge hat vor 20 Jahren begonnen, sich in Deutschland zu etablieren. Ich bin Gründer der ersten Notfallseelsorge-Gruppe in Sachsen-Anhalt. Die Initialzündung gab es im Kirchenkreis Schönebeck in einer Gruppe aus Pfarrern, ehrenamtlich in der Kirche Aktiven sowie auch Nicht-Christen. Damals war es noch sehr breit angelegt: Das Ziel war, belastete Einsatzkräfte, Ersthelfer und auch Opfer nach Unfällen zu unterstützen, sowie Polizeieinsatzkräfte beim Überbringen einer Todesnachricht an die Angehörigen zu begleiten. Das war etwas, was 1998, als ich nach Stendal kam, auch hier im Landkreis gefehlt hat. Mittlerweile bin ich stolz darauf, dass es in allen Landkreises des Bundeslandes solche Teams gibt.

Außerdem sind Sie Pfarrer und Superintendent. Spielt bei den Notfallseelsorge-Einsätzen auch der Glaube eine besondere Rolle? 

Nein, eher nicht. Was die Notfallseelsorger zuerst lernen, ist der Umgang mit den Themen Tod, Sterben und Trauer, und das losgelöst von kirchlichen Kontexten. Es geht darum, eine Art Erste Hilfe für die Seele zu leisten. Das kann im Falle des Verlustes eines Kinders sein oder beim Thema Suizid. Immerhin mehr als die Hälfte der Team-Mitglieder hat keine kirchliche Bindung. Es ist natürlich nicht hinderlich, wenn einer auf dem christlichen Feld „andocken“ kann. Aber es ist auch keine Voraussetzung, um als Ehrenamtlicher in der Notfallseelsorge mitzuarbeiten.

Aber christliche Inhalte sind bei der Arbeit auch dabei? 

Michael Kleemann als Pfarrer: Er ist Superintendent – damit Chef des Kirchenkreises.

Es kann passieren, dass ich mit einem Menschen, der Hilfe braucht, auch bete. Aber das ist eher der Einzelfall. Bei der Notfallseelsorge geht es zuerst um das psychische Stabilisieren in der Krise. Wir bieten Kontakt an, lassen also niemanden allein. Wir wollen „Abflüsse schaffen“, also einen geschützen Raum anbieten, in dem man weinen, schreien oder nur schweigen kann. Wir fragen, wen der Betroffene jetzt gerne bei sich hätte und versuchen diesen Menschen hinzuzuziehen, und wir liefern organisatorische Hilfe: Telefon, Nachrichten weitergeben, oder einfach Kaffee kochen.

Was war für Sie der Initialmoment, sich für das Thema Notfallseelsorge zu engagieren? 

Auslöser war der tödliche Verkehrsunfall mit drei jungen Todesopfern aus meinem damaligen Pfarrbereich. Ich habe dann als junger Gemeindepfarrer Kontakt gesucht zur Feuerwehr, die ja einen wichtigen Dienst in der Gesellschaft leistet. Dabei hat es geholfen, dass ich in meinem „Ersten Leben“ Schlosser und LKW-Fahrer war. Ich bin dann auch in die Feuerwehr eingetreten – und habe schon bei den ersten Einsätzen gespürt: Es gibt ein hervorragendes Rettungsnetz. Aber wer kümmert sich um die Ersthelfer, Opfer und die Einsatzkräfte?

Denn was man als Helfer erlebt, ist harter Tobak... 

Das stimmt, es ist harter Tobak. Und ich bin froh, dass es in Feuerwehren zunehmend so ist, dass man auch über die seelische Belastung beim Einsatz redet. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass mittlerweile mehr Frauen in den Wehren sind. Männer tun sich schwerer, über das Erlebte zu reden. Sie versuchen, „handlungsfähig“ zu bleiben, um ihre Männlichkeit zu zeigen. Aber es ist wichtig, zeitnah darüber reden zu können, was einen belastet. Es tut nicht gut, das auf der Seele zu behalten. Denn vielleicht kommt schon am nächsten Tag der nächste heftige Einsatz. Die Wehren haben einen starken Corps-Geist, man fährt also mit raus – und lädt sich die nächste Schippe Dreck auf die Seele. Das ändert sich erfreulicherweise auch mit den jüngeren Leuten, die in die Wehr kommen. In meinem ehemaligen Pfarrbereich hat es beim Abschied geheißen: „Früher hieß unser Seelsorger Hasseröder, heute heißt er Kleemann“.

Welche Rolle spielt für Sie persönlich der Glaube? 

Eine herausragende: Ich bin Christ und mein Glaube ist geprägt vom Bild eines barmherzigen Gottes. Es ist ein Grundauftrag für Christen, Menschen dabei zu helfen, fröhlich in den Glaubensmantel hineinzuwachsen und am Ende des Lebens getröstet zu sterben.

Das ist jetzt eigentlich nur ein missionarischer Satz, und an tatsächlichem Inhalt etwas Trost... 

Als meine Mutter starb, verabschiedete sich der Arzt von mir und meinen Brüdern so: Er hatte meine Eltern bei der Krankheit begleitet und erlebt, wie sie mit dem Tod und dem Sterben umgingen. Er sagte: „Ich bin tieftraurig, dass ich diesen Glauben nicht teilen kann, um damit so umgehen zu können“. Der Glaube bedeutet, A: Du bist nicht allein. Und er kann deshalb, B: gerade in Lebenskrisen ein Rettungsanker sein.

Warum brauchen wir die Kirche? 

Weil wir im christlichen Abendland leben und die Kirche zuerst für den Erhalt christlicher Werte steht. 1989, in der Wendephase, waren die Kirchen ein guter Ort, in denen Demokratie eingeübt werden konnte. Viele Menschen sind auf der Suche nach einem Sinn für ihr Leben und die Kirche ist solch ein „Sinnanbieter“. Kirche hat den Menschen etwas zu sagen: zum Beispiel im Blick auf einen würdevoller Umgang mit den Toten oder mit benachteiligten Menschen als Träger sozialer Einrichtungen wie der Diakonie. Wir machen uns für Menschen am Rande der Gesellschaft stark, für Kinder in den Kitas, für Flüchtlinge, und Kirchen sind Ort der Kultur...

Sie erwähnten die Kirche in der Wendezeit ‘89. Sicherlich war das eine Sternstunde der Kirche. In der Nazizeit hat die Kirche sich dagegen weggeduckt. 

Es gab zur Zeit des Nationalsozialismus zwei Strömungen: Die „Bekennende Kirche“, die vielen durch Dietrich Bonhoeffer bekannt ist. Sie hat sich sehr früh klar gegen die Nazis gestellt. (Im übervollen Büro Kleemanns fällt neben den Talar am Bücherregal und dem Motarradhelm auf dem Besprechungstisch auch ein Lesepult auf. Darauf ein Buch Bonhoeffers, der als Widerstandskämpfer 1945 von den Nazis ermordet wurde: „Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft“.) ...Und es gab die „Deutschen Christen“, die schnell dem gefolgt sind, was die Diktatur ihnen vorgab. Es gab immer beides. Die Kirche als Summe vieler Menschen hat auch immer ihre Schattenseiten. Wichtig ist, dass wir das nicht verschweigen – und es anders machen. Es gibt auch viele, die meinen, wir sind politisch zu indifferent. Wir sollen uns mehr äußern zu Themen wie Kinderarmut oder Flüchtlingen. Ich bin überzeugt, dass wir da an den richtigen Stellen unterwegs sind.

Das merkt man nicht immer so deutlich. 

Man kann sich unsere Verlautbarungen ansehen, sie sind sehr deutlich. Aber es zählen auch Taten: Christen engagieren sich an vielen Projekten. Bei „Herz statt Hetze“ zum Beispiel, bei Willkommen-Cafés, der „Arche“ in Stadtsee, beim Verein Maranata. Fast an allem, was es an Hilfsangeboten in Stadtsee gibt, sind christliche Institutionen beteiligt. Ohne die ökumenische Vielfalt der Kirchen wäre das soziale Engagement deutlich ärmer.

Die Klischees über Glauben sind oft so: Ein Mann auf einer Wolke, der Gott ist; ein junger Mann meint, dessen Sohn zu sein, er stirbt am Kreuz für meine Sünden und wurde geboren von einer Frau, die vorher nie Sex hatte... Diese Mystik des Glaubens ist schwer zu vermitteln.

Glaube braucht immer beides: Herz und Verstand! Die Bibel ist ein Glaubenszeugnis, das Menschen vor 2000 und mehr Jahren aufgeschrieben haben. Längst gibt es den wissenschaftlichen Umgang damit und die Erkenntnis, dass ein wortwörtliches Verstehen für uns Menschen im 21. Jahrhundert eine wirkliche Herausforderung darstellt. Ich darf alles glauben, aber auch an manchem meine Zweifel diskutieren. Martin Luther würde das „evangelische Freiheit“ nennen. Aber es gibt für Christen auch unumstößliche Wahrheiten: der Glaube an einen Gott, der uns durch die Person von Jesus Christus und seinen Heiligen Geist auch heute immer wieder begegnet. Und dass das Wunder von Ostern, die Auferstehung von Jesus Christus von den Toten für die Menschen eine ganz besondere Hoffnung schenkt. So wie das der Arzt bei meiner Mutter erlebt hat.

Gäbe es einen Humanismus, also die rein auf Vernunft basierte Entwicklung zum heutigen Werte-Kanon, ohne die Kirche?

Wir haben im Abendland eine jüdisch-christliche Prägung. Allein unser Rechtssystem ist ohne „die zehn Gebote“ aus der Bibel nicht denkbar. All die philosophischen Debatten, die zu unserer heutigen Gesellschaft geführt haben, hätte es ohne die Kirche nicht gegeben. Mir wäre es übrigens sehr lieb, wenn die Leute, die heute für die „Rettung“ des christlichen Abendlandes auf die Straße gehen, eine Ahnung hätten von dem, was „Christsein“ ausmacht. Die Christenheit wird da nur zur Abgrenzung gegenüber Menschen mit anderem kulturell-religiösem Hintergrund genutzt.

Sie sind Superintendent, Notfallseelsorger, Mann einer politisch aktiven Frau, Feuerwehrmann, Sie fahren Motorrad und machen Kampfsport. Haben Sie manchmal noch Zeit zum Innehalten? 

Sie haben meine Hunde vergessen, Ida und Gambo. Und Jiu-Jitsu mache ich derzeit nicht mehr. Vielleicht fange ich damit wieder an, wenn ich im Ruhestand bin. Aber ich habe Freude am Leben. Ich bin ein fröhlicher Christenmensch mit Freude am kräftigen Humor. Da halte ich es ganz mit Joachim Ringelnatz: „Humor ist der Knopf am Kragen, der verhindert, dass er platzt.“ Und ich habe den schönsten Beruf der Welt.

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