Dr. Staadt sieht Thälmann ganz auf Stalins Linie und hinterfragt Straßennamen in der Altmark

SED-Forscher kuschelt nicht: „Teddy“ fand Morde richtig

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Bildhauer Gerhard Rommel stellte Ernst Thälmann übermannshoch und ohne die bekannte Mütze dar. Die Plastik wurde 1986 vor dem Magdeburger Thälmann-Werk aufgestellt. Inzwischen befindet sie sich im örtlichen Technikmuseum.

Stendal / Berlin. Marx, Engels, Liebknecht, Luxemburg und andere kommunistische Größen sind auch mehr als 25 Jahre nach der politischen Wende nicht totzukriegen. Straßen, Plätze, Schulen und weitere Einrichtungen in der Ostaltmark haben ihren Namen aus DDR-Zeiten behalten.

In Osterburg hat ein AZ-Bericht insbesondere über die Rolle Ernst Thälmanns im örtlichen Schilderwald eine Diskussion ausgelöst, die fortzuführen lohnt und zu der Dr. Jochen Staadt seinen Beitrag leisten möchte. Der Mittsechziger ist Projektleiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Die AZ hat den gebürtigen Bad Kreuznacher befragt.

Interview

Warum hängen Ostdeutsche mehr als 25 Jahre nach der politischen Wende noch so sehr an Ernst Thälmann, Karl Marx und anderen kommunistischen Helden?

40 Jahre kommunistische Indoktrination wirken leider immer noch nach.

Wer auch nur darüber spricht, „Teddy“ Thälmann lieber vom Straßenschild gewischt zu sehen, dem kann schon einmal die symbolträchtig geballte Faust drohen. Ernsthaft: Warum muss der Vorsitzende der KPD eigentlich geehrt werden?

Mit seinem politischen Wirken ist das nicht zu begründen. Er trat aktiv und aggressiv für die Zerstörung der Weimarer Demokratie und die Errichtung der Diktatur des Proletariats ein. Die SPD beschimpfte er als Sozialfaschisten, „die unter dem Deckmantel der reinen Demokratie dem Faschismus den Weg bahnt“. Anteilnahme verdient Thälmann, weil ihn die Nationalsozialisten ermordet haben. Doch auch Ernst Röhm und seine Anhänger wurden auf Befehl Hitlers ermordet. Man würde deswegen wohl kaum Straßen nach ihnen benennen.

Thälmann hat die deutschen Kommunisten auf Stalins verhängnisvolle Linie gebracht. Inwieweit war er deshalb ein Vasall des sowjetischen Diktators?

Thälmann war das Sprachrohr Stalins in der KPD seit 1925. Als er im September 1928 die Geldunterschlagung eines KPD-Funktionärs deckte, musste er den KPD-Vorsitz niederlegen. Einen Monat später wurde er auf Geheiß Stalins wieder als Vorsitzender eingesetzt.

Es ist immer öfter auch die Rede davon, dass Thälmann Abweichler in der eigenen Partei ans Messer geliefert haben soll. Was wissen Sie darüber?

Thälmann ließ keine Andersdenkenden in der KPD zu, sie wurden bei Abweichungen von der prosowjetischen Linie sofort ausgeschlossen. Zu ihrer physischen Vernichtung fehlten ihm die Mittel. Allerdings ließ er keinen Zweifel daran, dass er Stalins Morde richtig fand. Am 20. März 1930 erklärte er „die Vernichtung des Kulakentums“ sei „vielleicht eines der weltbedeutendsten Ereignisse“. Stalin ließ damals rund 30 000 Bauern erschießen und etwa 2,1 Millionen Menschen aus ihrer Heimat verschleppen.

Befürworter des postkommunistischen Schilderwaldes sehen in Karl Marx mitunter sogar einen Philosophen und keinen Kommunisten. Wie bewerten Sie denn derartige Aussagen?

Marx wäre darüber sehr beleidigt gewesen. Er verstand sich als Kommunist und kritisierte die Philosophen, da sie die Welt nur interpretieren und nicht verändern würden. Freilich hätten Marx und Engels im Unterschied zu Thälmann Massenmord und Massenverschleppungen nicht begrüßt. Sie wollten in ihrer Zeit die Lage der Arbeiter, Bauern und kleinen Leute zum Besseren wenden. Wenn es Kaiser-Wilhelm-Straßen gibt, warum sollen Straßen nicht nach Marx und Engels benannt sein.

Ihnen scheint noch etwas auf der Zunge zu liegen. Was ist Ihnen noch wichtig?

Mein Großvater wollte auch seinen alten Kaiser Wilhelm wiederhaben.

Von Marco Hertzfeld

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