Diskussion schärfer: Wildtierforscher und BUND-Chef schießen sich auf Windkraft ein

Rotmilan gerät unter die Räder

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Der Rotmilan ist in der Altmark immer seltener zu beobachten. Mögen sich Prof. Dr. Stubbe und BUND-Chef Wendenkampf vielleicht auch nicht in allen Naturschutzdingen einig sein, in der Diskussion über mögliche Gefahren der Windkraft für Vögel sind sie es. Im Bild unten rechts zeigt ein Neuferchauer den Kadaver eines Rotmilans, den er nahe einem Windrad gefunden hat. Auf dem Bild daneben ist ein junger Milan zu sehen, der beringt wird. In der Roten Liste wird die Art mit Vorwarnstufe geführt.

Altmark / Magdeburg. „Die Greifvögel verschwinden einfach aus der Landschaft, als habe es sie nie gegeben. Das ist doch traurig – oder nicht?!“ Für Prof. Dr.

Michael Stubbe sind die Hauptschuldigen an der Misere ausgemacht: Landwirtschaft, Windkrafträder und elektromagnetische Wellen der Funktürme, wobei Letztgenantes noch wenig erforscht sei. Der renommierte Zoologe scheut sich nicht vor klaren Worten, was ihn nicht nur Freunde einbringt. Das Schicksal des Rotmilans stehe dabei exemplarisch für den Niedergang vieler Arten in den neuen Bundesländern, so der Vorsitzende der Gesellschaft für Wildtier- und Jagdforschung bei einem Vortrag in der Ostaltmark. Allein im Hakel, einem großen Waldgebiet im Harzvorland, soll es Mitte der 1980er-Jahre noch etwa 120 Brutpaare gegeben haben. Inzwischen sei es nur noch ein gutes Dutzend. Ähnlich ergehe es dort und anderswo in Deutschland auch Habicht, Schwarzmilan & Co.

60 Prozent des weltweiten Milanbestandes leben in deutschen Landen, Sachsen-Anhalt ist das Kerngebiet. Windkraftwerke, von denen es momentan in der Bundesrepublik circa 26 000 gebe, seien für den Greifvogel eine neue tödliche Errungenschaft des Menschen, so der Professor. Wenn es um Bauprojekte geht, steht gerade dieser Greifvogel im Blickpunkt. So heißt es zum Beispiel im aktuellen Entwurf eines Wind-Nutzungsplanes einer Landkreisgemeinde, die AZ blättert: „Im Bereich der Sonderbaufläche Erxleben kann es insbesondere zu Beeinträchtigungen des Rotmilans kommen.“

In die Diskussion, die an Schärfe gewinnt, passt eine Wortmeldung von Oliver Wendenkampf aus Magdeburg. Der Landeschef des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) schießt auf die aktuelle Studie eines Schweizer Ingenieurbüros mit dem Titel „Windenergie und Rotmilan – ein Scheinproblem“. Der streitbare Umweltschützer sieht in den Verfassern „Windkraft-Lobbyisten“ und in dem Papier „den Versuch von Teilen der Windenergie-Branche, mit unhaltbaren Aussagen den Konflikt zwischen Windenergie und dem Schutz von Greifvögeln hinweg zu reden“.

Greifvögel wie der weltweit bedrohte Rotmilan gehörten zu jenen Arten, die am meisten durch Kollisionen mit Windrädern gefährdet seien. Wendenkampf: „Dieses Problem ist wissenschaftlich hinlänglich belegt. Es muss, genau wie andere naturschutzfachliche Belange, von der Branche anerkannt und bei der Planung von Vorranggebieten und jedes einzelnen Windrads berücksichtigt werden. Andernfalls ist der auch vom BUND befürwortete naturverträgliche Ausbau der Windenergie nicht möglich.“

Eine 2013 im „Journal for Nature Conservation“ veröffentlichte Untersuchung habe aufgezeigt, dass allein im Land Brandenburg jährlich vermutlich um die 320 Rotmilane an Windkraftanlagen tödlich verunglücken. „Für ganz Deutschland muss bei einem aktuellen Brutbestand von 12 000 bis 18 000 Paaren entsprechend von über 1000 Todesfällen pro Jahr ausgegangen werden. In Regionen mit vielen Windenergieanlagen wie denen im Osten und Norden Deutschlands werde bereits heute die Grenze der Belastbarkeit der Population erreicht. Sachsen-Anhalts BUND-Chef: „Umso wichtiger ist es dafür zu sorgen, dass neue Windräder nur dort gebaut werden, wo keine erhöhte Tötungsgefahr besteht.“

Prof. Dr. Stubbe und Mitstreiter fordern eine veränderte Landnutzung. Nach der politischen Wende seien von einst 30 Kulturpflanzen gerade einmal fünf übrig geblieben. Wintergetreide und Raps dominierten vielerorts. Ab Mitte Mai sei die Landschaft zu großen Teilen versiegelt. Selbst wenn es Nahrung gäbe, könnten Greifvögel diese nicht erreichen. „Mäuse werden großflächig mit Agrargiften bekämpft.“ Der Feldhamster ist eine Rarität. „Jungvögel fallen vor Hunger vom Horst. Altvögel müssen sich von Regenwürmern ernähren oder sie fressen Essensreste des Menschen, etwa Kotelettknochen, die hinterm Haus liegen. Wie armselig ...“

Von Marco Hertzfeld

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