Integrationskoordinator Björn Malycha über die alltäglichen Probleme von Flüchtlingen

„Riskieren, Fehler zu machen“

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Ein Bild aus dem Alltag der Flüchtlinge in Deutschland hängt mit dem „Warten“ zusammen. An der Wendstraße in Stendal stehen diese Menschen für finanzielle Mittel an.

Stendal. Seit Monaten ist eines der bestimmenden Themen im Landkreis Stendal die Integration von Flüchtlingen. Der Landkreis trägt Sorge dafür, sie unterzubringen und zu versorgen.

Aber wie steht es mit den alltäglichen Sorgen im Umgang mit meist muslimischen Menschen aus Syrien oder Afghanistan? Die AZ sprach mit Björn Malycha, Leiter des Netzwerkes für die Integration von Migrantinnen und Migranten im Landkreis.

AZ-Interview

Was sind alltägliche Probleme im Leben von Flüchtlingen in Deutschland?

Die Probleme sind vielfältig. Zum Beispiel: Zu allererst sind das Verständigungsprobleme aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse. Dann gibt es die Frage der Unterkunft: Wo werde ich wohnen? Flüchtlinge werden durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das BAMF, zugewiesen. Viele werden dann an Orten untergebracht, die sie nicht unbedingt selber gewählt hätten.

Björn Malycha

Und wenn sie eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, ergibt sich die Frage, wie sie eine Wohnung finden. Gerade für Großfamilien ist das schwer. In den letzten Jahrzehnten hat sich in Deutschland ein Wohnungmarkt gebildet, der auf Familien für etwa vier Personen zugeschnitten ist. Das wird Großfamilien nicht gerecht. Weitere Hürden sind etwa Verwaltungsgänge oder die Eingliederung in die Schulen und den Arbeitsmarkt. Außerdem erleben Migranten, die bereits seit längerem in Deutschland wohnen, derzeit auch konfrontative Situationen im Alltag – weil sie für Flüchtlinge gehalten werden.

Was für Situationen? 

Das ergibt sich beispielsweise im Supermarkt: Kunden glauben, dass die vermeintlichen Flüchtlinge kein Deutsch verstehen und ziehen vom Leder – mit allen möglichen Vorurteilen: Flüchtlinge werden besser versorgt und bekämen mehr als man selbst oder sind nur hier, um sich am Sozialstaat zu bereichern. Migranten, die hier schon lange leben und gut Deutsch können, bekommen das dann aber mit.

Die Frage nach dem Alltag zielte auch auf ganz banale Dinge wie die Mülltrennung: Daniel Jircik von der Stendaler Wohnungsbaugesellschaft SWG erklärte kürzlich, dass das Mülltrennen für Flüchtlinge offenbar eine Herausforderung ist – bei dem, was man durchgemacht habe, gehöre das verständlicherweise nicht zur obersten Priorität, ist für Deutsche aber wichtig... 

Mit dem Beispiel Mülltrennung müssen sich Flüchtlinge tatsächlich ersteinmal auseinandersetzen. Ich erlebe, dass viele das auch umsetzen – sie ahnen, dass uns das wichtig ist. Andere Herausforderungen sind aber auch das pünktliche Erscheinen bei Terminen. Sie sind ja darauf angewiesen, den ÖPNV zu nehmen Wenn Flüchtlinge zum Beispiel aus Iden morgens 8 Uhr einen Termin in Halberstadt bei der Außenstelle des BAMF haben, ist es nicht machbar, pünktlich zu erscheinen, es sei denn, dort lebt jemand, bei dem sie übernachten können.

Es wird oft leichthin gesagt, Flüchtlinge seien die „Fachkräfte von morgen“. Stimmt das?

Sie sind auf jeden Fall die potenziellen Arbeitnehmer von morgen. Ob sie Fachkräfte in unserem Sinn sind, muss man erst prüfen. Nur ein bestimmter Anteil hat studiert – der Anteil unter Syrern ist dabei relativ hoch. In vielen Herkunftsländern gibt es keine duale Ausbildung wie in Deutschland. Alles im handwerklichen Bereich wird oft nur angelernt: Man macht mit und kann es irgendwann. Man muss im Einzelfall prüfen, wie man die Qualifikationen, die Flüchtlinge haben, nach unserer Standards einordnen kann um sie dann auf dem Arbeitsmarkt einzugliedern. Aber es ist so, dass der Flüchtlingszuzug ein großes Potenzial für den Arbeitsmarkt ist, gerade durch die Jüngeren.

Gibt es auch ein Potenzial kultureller Art? Wie können Flüchtlinge unsere Gesellschaft bereichern?

Ich tue mich schwer, gesellschaftliche Integration an einer Art „Leitkultur“ zu messen. Seitens der Aufnahmegesellschaft muss es auch eine gewisse Anpassungsfähigkeit geben. Integration heißt nicht, dass sich eine Seite komplett anpassen muss. In Ämtern, gibt es auf einmal viele mehrsprachige Hinweisschilder - oder Schulen suchen Lehrpersonal suchen mit Zugangsvoraussetzungen, die es so bisher noch nicht gab. Das betrifft etwa Menschen, die in der Lage sind, Nicht-Deutschen die Sprache beizubringen, auch wenn sie nicht die klassischen Staatsexamen haben. Es finden also bereits erste Anpassungsmaßnahmen seitens der Aufnahmegesellschaft statt.

Wie steht es mit der Gleichberechtigung von Frau und Mann in den Familien?

Gerade bei muslimischen Herkunftsländern geht das Klischee davon aus, dass die Frau nicht gleichgestellt ist. Das mag ich nicht in jedem Fall negieren. Es gibt aber auch sehr selbstbewusste Frauen, die sich durchzusetzen wissen, und für die der Schleier kein Symbol der Unterdrückung ist, sondern stolz getragen wird.

Ich erlebe es dennoch manchmal, dass der Mann spürbar das Familienoberhaupt ist und die Frau „zurücksteckt“.  

Dabei gehen wir jetzt nach wie vor vom Klischee aus. Wenn es aber so ist, muss man überlegen, wie sich das langfristig lösen lässt. Denkbar könnte eine Verbindlichkeit von Sprach- und Integrationskursen sein, die für beide, Mann und Frau, gilt – und das gekoppelt an Leistungsanreize. Die wichtigen Hebel sind aber der Zugang zum Arbeitsmarkt, Ausbildung und Sprache: Diese Bereiche sorgen dafür, dass Frauen perspektivisch an einem gleichberechtigten Leben teilhaben werden.

Wenn ich muslimischen Flüchtlingen die Hand schütteln will, merke ich, dass Frauen das meiden – für mich in Ordnung. Aber es gibt weitere Feinheiten, wie das Zeigen der Schuhsohle beim normalen Überschlagen der Beine: Schuhsohlen werden als Beleidigung empfunden. Wie sehr müssen wir Deutschen uns im Umgang mit Flüchtlingen anpassen? 

Gar nicht! Wir müssen aufpassen, dass wir nicht aus Angst, etwas falsch zu machen, verkrampfen. Ich muss riskieren, „Fehler“ zu machen. Wenn etwas unangemessen ist, muss ich das in der Situation erkennen und diese auflösen. Aktuell werden Kurse, in denen solche zwischenmenschlichen Feinheiten Inhalt sind, stärker nachgefragt. Aber: Fehler und Missverständnisse dürfen passieren, auf sie muss aber adäquat regiert werden.

Durch die politische Unsicherheit vieler Menschen entstehen Bünde wie nun die Bürgerbewegung Altmark, die bei ihren Demos rechtsradikale Redner mit Parolen und Verschwörungstheorien reden lässt. Wie muss man darauf reagieren? 

Ich finde es wichtig und gut, dass sich schnell Strukturen gebildet haben, die parallel zu diesen Kundgebungen Gegendemos organisieren...

...die mittlerweile von Studenten der Hochschule organisiert werden, und bei denen sich lokale Politiker nur noch selten zeigen. 

Es ist so, dass sich viele Akteure auf den Bürger-Dialog des Landkreises und der Stadt konzentriert haben, der im November stattgefunden hat. Ich werde mich dafür einsetzen, dass diese Bürgerdialoge weitergeführt wird. Wir hatten in Seehausen und Stendal bereits sehr gute Veranstaltungen. Der Kern ist, dass man informieren muss, Fakten gegen Gerüchte stellen muss, sachliche Debatten gegen Missinformation. Wir müssen „cool bleiben“, kurz gesagt. Es hilft auch, beispielsweise unter Jüngeren das Gespräch zu suchen. Ich war in den beruflichen Schulen und habe mit Schülern über die Situation gesprochen. Dort gab es ein großes Interesse an Fakten. Die Jugendlichen wollen wissen, was passiert. Dort relativieren sich dann viele Sorgen.

Können sie manche Sorgen der Bürger, die der Flüchtlingsproblemaik skeptisch gegenüber stehen, zumindest nachvollziehen? 

Nein, bei manchen „Sorgen“ kann ich das nicht. Das darf mich aber nicht daran hindern, darauf einzugehen.

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