Hamburger Verein rät im Stendaler Kirchenstreit zum Verschlag fürs umtriebige Federtier

Stendaler Kirchenstreit: „Niemand muss Tauben lieben“

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In Stendals Altstadt soll es einige Hundert verwilderte Tauben geben, in anderen Städten noch viel mehr. In Offenbach wurde aus einem Bauwagen ein Taubenschlag, dort brüteten die Tiere bislang unter einer Brücke. Und in Hamburgs City thront das Tauben-Hotel auf einer Moschee.

Stendal. Im Streit um den richtigen Umgang mit verwilderten Tauben meldet sich der Verein „Hamburger Stadttauben“ zu Wort und bietet den Stendalern seine Unterstützung an.

„Der örtliche Tierschutzverein sollte ein Konzept erstellen und gemeinsam mit der Stadt über einen Taubenschlag nachdenken, um des Problems Herr zu werden“, rät Inge Prestele, die 2. Vorsitzende. In einem solchen Tauben-Hotel könnten die Tiere vor Verelendung geschützt und ihre Population kontrolliert werden. Die Hanseaten haben mit diesen Rückzugsorten gute Erfahrungen gemacht, einer befindet sich im Hauptbahnhof, ein anderer sogar auf einer Moschee. Dem sogenannten Augsburger Modell folgen mittlerweile etwa 60 Städte. Stendal ist noch nicht darunter.

„Es geht nur über die Schiene Pragmatismus, niemand muss Tauben lieben“, macht die Tierschützerin klar. Dass wie in Stendal Löcher in einer Kirche gestopft werden und damit Tauben von ihrem Nachwuchs getrennt werden, sei mit Blick auf das Tierschutzgesetz mehr als grenzwertig und auch irgendwie viel zu kurz gedacht. „Das Problem verlagert sich nur. Die Tauben ziehen weiter, finden andere Orte, am liebsten weit oben.“ Stendals Tauben fliegen neben der Jacobikirche auch den gesamten Marktbereich mit Marienkirche, Rathaus und umliegenden Gebäuden besonders gern an. „Ein Problem ist ein Problem, egal wie groß eine Stadt ist.“

Der Hamburger Stadttaubenverein mit Maria Hanika an der Spitze ist 2013 gegründet worden und zählt momentan 120 Mitglieder. Bei der Betreuung und Finanzierung der Taubenschläge hilft der Hamburger Tierschutzverein. In der Elbestadt seien zunächst Jungtiere als Lockvögel eingewöhnt worden, berichtet Prestele. Haben diese ihre Unterkunft akzeptiert, sollten auch weitere Stadttauben auf das Quartier aufmerksam werden. Fühlen sich die Tiere heimisch und legen Eier, wird ein Teil davon gegen Gipseier ausgetauscht. „Tauben können bis zu acht Mal im Jahr Eier legen. Das hat ihnen der Mensch angezüchtet, sie tragen es sozusagen in den Genen und sind auch keine klassischen Wildtiere.“

Jahrhundertelang habe zwischen Taube und Mensch ein „überaus inniges Verhältnis“ bestanden, das Tier sei ein wichtiger Fleisch-, Eier- und Federlieferant gewesen. „Und aufgepasst: Der ach so lästige Kot wurde als Dünger verwendet.“ Als Briefbote sei die Taube sogar ein regelrechter Überflieger gewesen. Heutzutage geben Hobbyzüchter den Ton an, allein in Deutschland soll es mehr als 200 Rassen geben. „Unabhängig davon hat die Taube aber an Ansehen verloren. Stadttauben sind vielerorts verpönt.“ Bei Bezeichnungen wie „Ratten der Lüfte“ sträuben sich bei Tierschützerin Prestele die Nackenhaare.

„Frankfurter Tierschützer haben Behörden und Institute nach von Tauben übertragenden Krankheiten gefragt. Das renommierte Robert-Koch-Institut wusste von zwei Fällen Ornithose in den letzten zehn Jahren, mehr nicht.“ Bei der Krankheit treten in der Regel grippeähnliche Symptome auf. „Die Gefährlichkeit der Tiere wird viel zu hoch gehängt, bei uns Menschen würde man von übler Nachrede sprechen“, meint die Hamburgerin.

Ein Taubenschlag koste Geld, natürlich, aber nicht die Welt. Prestele: „Man muss einen Raum finden, möglichst hoch, für das Futter pro Taube lassen sich vielleicht zehn Euro ansetzen. Das Teuerste wäre eine Kraft, die alles säubert, kontrolliert und die Eier austauscht, doch das ließe sich auch ehrenamtlich erledigen. Stendal kriegt das hin.“ Im sächsischen Torgau sei die Initiative übrigens von einer Amtsleiterin ausgegangen, die ob des Taubendrecks um die historischen Bauten in der Stadt fürchtete. „Da ist also weit und breit kein Tierschutzverein gewesen und hat piep gesagt.“

Von Marco Hertzfeld

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