Weiterer Schwerpunkt in der Flüchtlingsfrage beim Bürger-Dialog / Wenige Kritiker vor Ort

Neuer Fokus: Integration durch Jobs

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An Einzeltischen wurden individuelle Sorgen und Fragen der Besucher während des Bürger-Dialogs besprochen. Experten aus Verwaltung, Regierung oder Polizei mischten sich dazu.

Stendal. „Ihr verübt Hochverrat am deutschen Volk“ – das war ein Vorwurf an Regierungen allgemein, den sich der Stendaler Oberbürgermeister Klaus Schmotz beim vergangenen Bürgerdialog im Landratsamt Stendal anhören musste. Das traf ihn sichtlich.

Aber bei der Veranstaltung von Stadt und Landkreis zum Thema des Zuzugs von Asylbewerbern, bei der Hochschule, Polizei und Jobcenter mitgearbeitet haben, blieb das ein Einzelfall. Generell fanden sich bei der Veranstaltung eher viele Vertreter aus dem öffentlichen Leben, die ohnehin eher positiv gegenüber Flüchtlingen eingestellt sind.

Für geballte Information zum Thema Asylbewerber hatten die Organisatoren gesorgt – mit zum Großteil bereits bekannten Themen: Kein bemerkbarer Anstieg von Straftaten laut Polizei; ein nach wie vor starker Andrang von Flüchtlingen; noch stockende Verteilung und Registrierung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Eine Forderung: „Mehr Bürger in den Dialog“.

Ein neuer Fokus ergab sich aber: „Wir brauchen nicht nur Kuscheltiere, sondern auch Jobs“, sagte Dr. Gisela Korkus-Kurowski vom Jobcenter Stendal. Denn wenn der Asylantrag erst einmal angenommen ist, landen die Flüchtlinge im Jobcenter. „Dann wird die Arbeit bei uns enorm anwachsen“, sagte sie, man stelle sich bereits darauf ein. 80 Prozent der Flüchtlinge sei ohne eine formale Qualifikation, meinte sie. „Aber sie bringen wertvolle Kompetenzen mit, insbesondere Fleiß“, so Korkus-Kurowski. Flüchtlinge, betonte sie, seien nicht die „Fachkräfte von morgen“, sondern eher die „Fachkräfte von übermorgen“. Denn erst nach einigen Jahren würden sie sich langsam in den freien Arbeitsmarkt eingliedern. „Die eigentliche Integration findet über Arbeit statt“, war sie sich sicher. Jeder Flüchtling brauche eine Perspektive. Auch Schmotz selbst nahm den Tenor auf: „Wir müssen das Thema Integration zuallererst über Arbeit angehen.“

Die Veranstaltung war aufgeteilt in einen Infoteil und einen Diskussionsteil, bei dem an Tischen individuelle Fragen und Sorgen thematisiert werden sollten. Wirklich kritische Töne fanden sich aber eher vereinzelt. Einige Personen, die von Gruppenmoderatoren als ausländerfeindlich eingeschätzt wurden, gingen nach dem Infoteil – und stellten sich nicht der Diskussion in der Kleingruppe. Wenige Menschen mit skeptischer Haltung zur Flüchtlingspolitik blieben – so geriet auch Schmotz an den „Hochverrat“-Vorwurf. Zum Teil wurde hier aber nicht die Integration von Flüchtlingen kritisch angesprochen, sondern die internationale Politik angeprangert – denn sie sorge erst für Flüchtlingsströme. „Die Welt brennt, und wir spielen Friede, Freude, Eierkuchen.“ Das sagte unter anderem ein Bürger aus Uenglingen. Es gebe offene Fragen, die man sich hier nicht stelle. Und er prangerte die für ihn so empfundene öffentliche Einteilung in politische „Lager“ an: „Es gibt nichts anderes mehr als links oder Nazi. Die Mitte geht verloren. Das widerstrebt mir. Weil ich, ich bin die Mitte!“ Mehr Bürger sollen zum Bürgerdialog, so eine Anregung aus den Diskussionsrunden, und zwar diejenigen, die auch Sorgen zum Punkt Flüchtlinge haben. Martin Knaak, Organisator der Asyl-kritischen „Bürgerbewegung Altmark“, war nicht vor Ort. Auf eine Mail-Anfrage der AZ reagierte er gestern nicht. Ein Fazit zog Schmotz. Er versuchte sich an einer politischen „Mitte“. Flüchtlinge begäben sich in eine neue Kultur, in die man sich auch eingliedern müsse – ohne dass man im Einzelfall verlange, sich hundertprozentig anzupassen. „Über allem muss aber Gewaltfreiheit stehen. In Tat, Wort und Schrift.“

Von Kai Hasse

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