Fassade maroder als gedacht

Neben dem Löwenportal der Marienkirche: Steine fressen Geld und Zeit

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Klaus Glauer kennt die Kirche bereits von der Sanierung des Portals. Er setzt Stein um Stein. Ein Kollege mischt Mörtel.

Stendal. „Mit roher Gewalt geht hier gar nichts.“ Überaus behutsam setzt Klaus Glauer den Bohrer ein und holt einen weiteren maroden Stein aus der Fassade der Marienkirche. Die Arbeiten rechts des Löwenportals werden länger dauern und teurer sein als geplant.

Der auf Backsteinsanierung spezialisierte Goldbecker und Kollegen werden auch im nächsten Jahr in Stendal zu tun haben, so viel ist seit einigen Tagen sicher. Die eingeplanten 1400 Ziegelsteine reichen nicht aus, weitere sind bereits bestellt. Die Kosten liegen somit bei mindestens 20  000 Euro. Binnen zweier Jahrzehnte ist insgesamt gut eine Million Euro in den für die Hansestadt so wichtigen Sakralbau geflossen.

Wenn Bärbel Hornemann, die Vorsitzende des 1996 gegründeten Fördervereins „Glocken St. Marien“, am morgigen Tag des offenen Denkmals die Besucher begrüßen wird, sollten diese Zeit mitbringen. „Wir haben gemeinsam wirklich viel erreicht. Die Liste ist lang. Angefangen hat alles mit Maria“, erinnert sich die waschechte Stendalerin an die Instandsetzung der ersten Glocke. Weitere Klangkörper folgten. Turmebenen, Zifferblätter der Uhren, die Orgel und anderes mehr sind ebenfalls erneuert worden. Mitunter kam dafür auch schwere Hebetechnik wie ein 220-Tonnen-Autodrehkran 2006 für eines der riesigen Zifferblätter zum Einsatz.

Zahlreich standen damals Bürger am Fuße von St. Marien und verfolgten die Arbeiten in luftiger Höhe. „Unser ehrenamtliches Engagement wird in der Stadt und darüber hinaus geschätzt“, ist sich die Vereinsvorsitzende sicher. „Zumal die 1447 geweihte und reich ausgestattete Kirche, der Marktplatz und das Rathaus zu den schönsten Ensembles sakraler und bürgerlicher Stadtarchitektur in ganz Norddeutschland gehören.“ Dass ein grünes Sicherungsnetz die Fassade zur Marienkirchstraße hin für etliche Monate verdecken musste, dürfte nicht allein die scheinbar nimmermüden Förderer sowie Denkmalschützer und weitere Fachleute bewegt haben. Seit Mitte August steht dort nun ein Gerüst und zeugt vom aktuellen Projekt der Kirchenfreunde. Das Geld dafür kommt aus der Kasse des Vereins, einem Restfördertopf und von der evangelischen Stadtgemeinde.

Während der Restaurierung des Löwenportals vor zwei Jahren waren gravierende Schäden an der Mauerschale entdeckt worden, mit denen niemand unbedingt habe rechnen können. Frost und Feuchtigkeit hatten den Fensterbögen und dem Mauerwerk drumher-um stark zugesetzt. Über von außen angebrachte Windeisen war zudem Rost eingedrungen. Sie sind ersetzt, Glauer und Kollegen tauschen seit Tagen brüchige und teils bereits zerfallene Steine gegen neue aus, einige alte können wiederverwendet werden. Bei mehr als 300 neuen Steinen handelt es sich um Sonderanfertigungen für die Rundungen und Aussparungen, von denen jeder mehr als 20 Euro kostet, ein stolzer Preis. „Es musste gehandelt werden, denn letztendlich war die Stabilität der Kirche gefährdet“, weiß Hornemann, die auch beruflich bei der Stadt mit Denkmalschutz zu tun hat.

Von Marco Hertzfeld

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