Prozess vor dem Landgericht Stendal: Fünf Jahre Haft avisiert

An Stieftochter (12) vergangen: Missbrauch nach der Haarwäsche

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Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Dieter Schulze beim Prozessauftakt am Landgericht.

Stendal / Burg. Kaum vorstellbar klingen die Taten, wegen derer sich ein 40-Jähriger aus dem Jerichower Land momentan vor dem Stendaler Landgericht verantworten muss.

Im Zeitraum von 2014 bis 2015 soll er seine damals zwölfjährige Stieftochter mehrmals sexuell missbraucht haben.

Staatsanwältin Dagmar Regel fasste die Taten in der Anklageschrift als „beischlafähnliche Handlungen“ zusammen. Der Vorsitzende Richter Ulrich Galler bemerkte zu Verhandlungsbeginn, dass es innerhalb der Großen Strafkammer bereits Gespräche über das Strafmaß gegeben habe. „Wir haben einen Strafrahmen von vier bis fünf Jahren Haft avisiert, wenn der Angeklagte geständig ist“, so Galler.

Es ging um drei konkrete Vorfälle zwischen Januar 2014 und März 2015. Der Beschuldigte verlas eingangs eine Erklärung, in der er sich für seine Taten entschuldigte. „Ich habe mich immer um die Tochter meiner Lebensgefährtin gekümmert. Weil meine Frau in Schichten arbeitet, kam mein Sexualleben zu kurz. Da habe ich mich hinreißen lassen“, so der Angeklagte. Er bereue die Taten zutiefst.

Wie er überhaupt auf die Idee gekommen sei, die Tochter seiner Lebensgefährtin zu missbrauchen, wollte Galler wissen. „Sind Sie sexuell verroht? Gucken Sie zu viele Pornos?“ Der Beschuldigte verneinte dies. Der Beischlaf, bei dem das im Oktober 2002 geborene Mädchen teilweise rücklings auf seinem Schoß gesessen habe, soll jeweils zwei bis drei Minuten gedauert haben. „Aber Sie haben trotzdem gegen den Willen des Kindes weitergemacht“, hakte Richter Galler nach. Der Angeklagte habe dem Mädchen in der Abwesenheit ihrer Mutter öfter die Haare gewaschen. Dabei habe er eine Anziehung verspürt.

Im Vorfeld der Vernehmung des 40-Jährigen kam es zu einem Missverständnis. Sein Verteidiger Dieter Schulze gab an, bereits mit Staatsanwältin Heike Konschake über das Strafmaß gesprochen zu haben. „Mir wurde signalisiert, dass ein Geständnis zur Nichtvernehmung des Kindes und zu einer Bewährungsstrafe für meinen Mandanten führen könnte“, so Schulze. Dagmar Regel wusste nichts von dieser Absprache. Für Galler stand fest: „Wie sich aus den Vorwürfen eine Bewährungsstrafe für den Angeklagten ergeben soll, weiß ich nicht.“ Eine solche Verständigung zwischen Verfahrensbeteiligten ist laut Strafprozessordnung in geeigneten Fällen möglich. Nach einer kurzen Rücksprache mit Staatsanwältin Konschake räumte Schulze ein, es habe sich bei der Absprache um ein Missverständnis gehandelt.

Richter Ulrich Galler bestätigte dennoch den avisierten Strafrahmen. „Hintergrund ist der Opferschutz der Geschädigten“, so der Jurist. Durch das Geständnis des 40-Jährigen bleibt dem Mädchen eine Aussage vor Gericht erspart. Der Prozess am Landgericht wird fortgesetzt.

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