Gebürtiger Tangerhütter ein ehrenamtliches Rädchen im Technikmuseum Magdeburg

„Mehr als nur ein altes Schloss“

+
Der Grade-Dreidecker.

Magdeburg / Stendal. „Das sind Schieber, wie sie für das Kernkraftwerk Arneburg gebraucht wurden“, sagt Gustav Bartoly und zeigt auf graue Metallteile. Die Großarmaturen sind im MAW gefertigt worden. Der 72-Jährige hat dort viele Jahre gearbeitet, seine Frau Christine ebenso.

Das Technikmuseum Magdeburg sei wie ein Buch, in dem sich blättern lasse. Die Altmark füllt darin mehr als eine Seite. „Man muss nur genau hinschauen, vieles war ja in der DDR miteinander verwoben“, weiß der Groß Santerslebener, den mit der Region noch mehr verbindet. Er erblickte nach einer kleinen Odyssee der Familie 1944 im „Alten Schloss“ in Tangerhütte das Licht der Welt, die Villa war im Krieg ein Lazarett. „Hier im Museum finden Sie mehr als ein altes Schloss“, witzelt er.

Als Bartoly fünf, sechs Jahre alt ist, verlässt die Familie Tangerhütte und zieht nach Magdeburg. Er geht dort zur Schule, findet sein berufliches und privates Glück. „Ich habe zwei Töchter und sechs Enkelkinder – da hat man nichts falsch gemacht“, meint er und lacht. 2009 Rentner, drückt der Familienvater noch einmal die Schulbank, studiert an Magdeburgs Universität und darf sich mindestens Hobby-Historiker nennen. In die Altmark zieht es den früheren MAW-Kämpen regelmäßig, einige Angehörige wohnen in Mahlwinkel. Und für gute Geschichte(n) tauge die Region sowieso.

Die Tangerhütter Gießerei und die Magdeburger Armaturenwerke (MAW) sind in der DDR miteinander verbunden. Gussstücke bilden die Grundlage für die KKW-Schieber, die aus einigen Hundert Teilen bestehen, und anderes mehr. Bartoly arbeitet selbst nie auf der Megabaustelle nahe Arneburg, doch er leitet 80 Kollegen dafür an. Die Armaturen werden nicht zuletzt über den VEB Schwermaschinenbau „Karl Liebknecht“ (SKL) und die „sowjetischen Bauherren“ eingesetzt. Dass das Kernkraftwerk nie ans Netz ging, darüber ist Bartoly nicht traurig. „Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 dürfte auch dem Letzten die Augen geöffnet haben.“

Bartoly führt ehrenamtlich Besucher durch die große Halle und angrenzende Objekte an der Dodendorfer Straße. 150 Jahre Wasserwerk Buckau, 150 Jahre Armaturenbau, die Dauerausstellung „Junkerswerke in Magdeburg“ und dazu ein Nachbau des berühmten Grade-Dreideckers von 1907 und andere technische Wunderwerke mehr: „In Magdeburg hat viele Jahrzehnte lang das Herz des Schwermaschinenbaus und verwandter Sparten geschlagen.“ Vom einstigen Glanz sei nicht mehr viel geblieben. Bartoly bleibt vor einer Büste Hermann Grusons stehen und es sprudelt nur so aus ihm heraus. Der Ingenieur, Erfinder und Unternehmer sei für die Entwicklung der Stadt, ja halb Deutschlands, wichtig gewesen. Für Altmärker besonders interessant: Bei Tangerhütte errichtete das Unternehmen einen zehn Kilometer langen Schießplatz und testete dort Geschütze für den Export. Von dem Gelände sei nicht viel geblieben. Ab und zu tauchten bei Feldarbeiten harmlose Reste der Hartgussgeschosse auf. Bartoly will einige nach Rücksprache mit Verantwortlichen bewahren und vielleicht sogar im Museum unterbringen.

Die Grusonwerk AG baute auch vielfältige zivile Anlagen wie Erzaufbereitungsanlagen, Hebezeuge und Transporteinrichtungen. Mitte der 1890er-Jahre erwarb Krupp das Werk. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde hieraus das Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“ (SKET), zudem auch die heutige Umformtechnik Stendal (UTS) gehörte. Unter anderem wurden damals Blechteile für die DDR-Herdindustrie gefertigt.

Noch so ein altmärkisches Kapitel in der Industriegeschichte des Bezirkes Magdeburg. „Vielleicht lassen sich ja noch andere finden“, meint Bartoly. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Träger ist der Verein „Kuratorium Industriekultur in der Region Magdeburg“. Für weitere Infos: www.technikmuseum-magdeburg.de.

Von Marco Hertzfeld

Kommentare