Von Woche zu Woche

Die am lautesten schreien

Was sind wir – missgünstig, weil die Flüchtlinge fast genauso viel Geld vom Staat bekommen wie Hartz IV-Empfänger? „Denen wird alles nachgeschmissen, ohne dass sie was dafür tun müssen“, hört man immer wieder – meist von Arbeitslosen.

Mitunter von jenen Arbeitslosen, die sich auf unserem Sozialstaat ausruhen, für die das monatliche Geld zum Leben, die Miete, die Krankenversicherung usw. selbstverständlich geworden sind. Sie haben meist ein I-Phone, eine überdimensionale Musikanlage und einen großen Flachbildfernseher. Das brauchen sie auch, was sollen sie auch sonst den ganzen Tag lang tun.

Ulrike Meineke

Mal ehrlich: Viele Hartz IV-Empfänger könnten sehr wohl arbeiten gehen. Die Frage ist: Lohnt sich Arbeit für sie? Gerade im Osten Deutschlands sind die Löhne meist niedrig. Zieht man Kosten für Miete, Nebenkosten, Krankenversicherung usw. ab, bleibt mitunter weniger über als mit Hartz IV. Weshalb also arbeiten gehen. Viele, die jeden Tag ihre acht Stunden arbeiten, haben unterm Strich weniger als Hartz IV-ler. Und sie wissen das auch. Sie gehen trotzdem arbeiten und können mit erhobenem Haupt sagen, Vater Staat nicht auf der Tasche zu liegen. Sie sind diejenigen, die tagsüber die Heizung abdrehen, um Kosten zu sparen. Denn die müssen sie aus eigener Tasche bezahlen.

Vielleicht sollten wir ab und zu darüber nachdenken, wie gut es uns ins Deutschland geht. Wir haben ein soziales Netz wie kein anderes Land, das die Schwächsten der Gesellschaft auffängt. Leider auch die, die das nicht wirklich sind.

Die Zeiten, als es kaum Arbeit gab, sind doch längst vorbei. Erst in dieser Woche hat die Arbeitsagentur für die Altmark mehr als 1300 offene Stellen gemeldet. Und trotzdem ist jeder zehnte Altmärker als arbeitslos registriert. Beißt sich die Katze da nicht in den Schwanz? Ist es nicht eher so, dass diese „speziellen“ Arbeitslosen diese Jobs nicht machen wollen?

Bakri Jemo freut sich darüber, Sträucher verschneiden zu dürfen. Der Syrer lebt mit seiner Frau und den fünf Kindern in Groß Schwarzlosen. Die Kinder gehen zur Schule bzw. sind in der Berufsvorbereitung. Das Familienoberhaupt wurde als Helfer für den Gemeindearbeiter eingestellt. 15 Stunden darf er pro Woche arbeiten – für 1,05 Euro die Stunde. Jeder Asylbewerber darf das übrigens. Die couragierte Ortsbürgermeisterin hat dem Syrer klargemacht, dass in Deutschland der Mann die Einkaufstüten trägt und die Frau nicht hinter, sondern neben ihrem Mann geht.

Die Jemos sind ein gutes Beispiel für gelungene Integration. Der 40-Jährige gibt der Gesellschaft etwas zurück. Und niemand, auch nicht jene Arbeitslosen, die sich auf unseren Sozialleistungen ausruhen, wird sich darüber aufregen, dass der Mann, der aus einem muslimischen Land floh, weil er als Christ verfolgt wurde, „so viel“ verdient.

Wenn solche Beispiele Schule machen würden – für „spezielle“ Arbeitslose wie für Asylbewerber – dann wird es ganz schnell ganz still.

Von Ulrike Meineke

Rubriklistenbild: © dpa

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