„Habe ich für meine Söhne getan“

Kraftakt Hauptschulabschluss: Schulabbrecher büffeln für bessere Jobzukunft

+
Das Zeugnis stolz vor der Brust: Ahmad Tayeb Salehi (l.) hat eine Ausbildungsstelle zum Versicherungskaufmann gefunden. Bestabsolvent Alexander Meidt erreichte die Traumnote 1.

Stendal. „Ich hab die Ausbildungsstelle“, braust im Schein von Tafelkerzen Spontanbeifall auf im Raum 1 der Städtischen Volkshochschule (SVHS).

Mit „Alles ist noch möglich“, gratuliert Leiterin Joanna Sannemann gerade ihren frischgebackenen Hauptschul-Absolventen „zu wesentlich besseren Berufsaussichten“, als sich ein Schützling zu Wort meldet. Ahmad Tayeb Salehi werde nun Versicherungskaufmann, löst der 19-Jährige einen wahren Begeisterungsreigen aus.

Vom frischgebackenen Kuchen, für den Koordinatorin Ines Müller gesorgt hat, lässt der in der iranischen Hauptstadt Teheran Geborene aber genauso die Finger wie von Kaffee und Wasser. „Es ist doch Ramadan“, erklärt Salehi und streicht über das amtliche Zertifikat, das ihm das Bestehen der sogenannten Nichtschülerprüfung bescheinigt. Pünktlich zur Zeugnisausgabe schaffte es der 19-Jährige auch nicht. Er musste noch arbeiten, zeigen seine Lehrerinnen Verständnis. „Ich komme aus Afghanistan“, schildert der angehende Versicherungskaufmann der AZ und zählt die bisherigen Stationen seines internationalen Lebens auf. Drei Jahre lang habe er in Russland gelebt und weitere drei Jahre in Indien. In Deutschland sei er erst seit zwei Jahren.

Die Gründe für das Scheitern im herkömmlichen Bildungssystem sind so vielfältig wie das Spektrum der Absolventenklasse. Von den zehn Anwärtern beim Start des Vorbereitungskurses vor anderthalb Jahren blieben letztlich sieben, die zur Prüfung gingen. Die amtlichen Tests fanden in Stendals Komarow-Sekundarschule statt, mit der die SVHS seit 2005 für Integrationskurse kooperiert und die damit in der größten Stadt der Altmark längst so etwas wie ein Tor zur Welt ist.

„Kinder sind oft so grausam“, berichtet die einzige Kurs-Absolventin der AZ. Die 26-Jährige aus Stendal will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, dafür habe sie keinen Mut. Aber anderen jungen Müttern ohne Schulabschluss will sie Mut machen für den Weg, den sie selbst gegangen ist und der mit dem Unterricht im Objekt an der Hallstraße immer dienstags und mittwochs am Nachmittag, vielen Hausaufgaben und jeder Menge Lernstress kein leichter war. „Ich habe das für meine Söhne gemacht.“ Sie sind zwei und drei Jahre alt und sollen auf keinen Fall von anderen Kindern gehänselt werden, nur weil ihre Mutter keinen Abschluss hat. Auch den Lehrgangsbesten Alexander Meidt – er schaffte im Durchschnitt die Bestnote eins – hat das eineinhalbjährige Büffeln angestrengt. Dennoch will der Stendaler wie auch die junge Mutter ab 2017 wieder an die Hallstraße. Die nächste Hürde wartet in Gestalt des Realschul-Abschlusses. „Man sagt, dass Erfolg süchtig nach Erfolg macht“, gibt ihnen Sekundarschulrektor Roland Herms dazu passend mit auf den Weg. „Die eineinhalb Jahre vergingen wie im Flug.“

Von Antje Mahrhold

Kommentare