Von Woche zu Woche

Wer Kindern sowas antut, der...

An dieser Stelle eine Gratwanderung hinzubekommen, ist gar nicht so einfach. Insgeheim würden wohl viele Altmärker die Todesstrafe begrüßen – zum Beispiel für Kindermörder oder -schänder. Aber:

Mit solchen Gedanken wird man sofort in die rechte Ecke gestellt, denn Nationalsozialisten bedrucken sogar T-Shirts mit „Todesstrafe für Kinderschänder“. Sofort heißt es, sie nutzen den Missbrauch von Kindern für ihre Zwecke. Das ist wohl auch so. Aber ist man ein Nazi, wenn einem diese Gedanken durch den Kopf kreisen?

Traurige Gewissheit:

Die kleine Emily ist tot

Vielen von uns geht wohl das Bild von den Kerzen, den Plüschtieren, dem eingerahmten Kleinkind-Foto nicht aus den Kopf, die vor einer Eingangstür in Bismark stehen bzw. liegen. Ein anderthalbjähriges Mädchen ist schwer misshandelt worden. Den tagelangen Kampf um ihr Leben hat die kleine Emily gestern verloren. Sie ist ihren schwersten inneren Verletzungen in der Magdeburger Uni-Klinik erlegen. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass die 20-jährige Freundin des Kindsvaters dem Mädchen so weh getan hat, dass es an den Folgen der Misshandlung gestorben ist.

In Gedanken spinnt man diesen Faden weiter. Wird die junge Frau, sollte ihr diese Tat nachgewiesen werden, verurteilt? Oder erklärt das Gericht sie für unzurechnungsfähig, weil sie vielleicht betrunken war? Auf eine mögliche Überforderung deutet zumindest hin, dass die Familie seit knapp einem Jahr von der sozialpädagogischen Familienhilfe des Landkreises betreut wurde. Vielleicht hatte sie psychische Probleme, die das Gericht schuldmindernd wertet.

Das passiert oft. Da schwillt vielen der Kamm, wenn man hört oder liest, dass zum Beispiel ein Kinderschänder mit einer Behandlung in der Psychiatrie davon kommt – und sich wahrscheinlich eins feixt. Und wenn er dort wegen guter Führung entlassen wird, missbraucht oder tötet er gar das nächste Kind. Denn nachgewiesenermaßen sind Sexualstraftäter oft Wiederholungstäter. Deshalb hat der Gesetzgeber nachträglich den Straftatbestand „schwerer sexueller Missbrauch“ eingeführt.

Missbrauch ist aber nicht immer sexueller Natur, wie der Bismarker Fall zeigt. Im vergangenen Jahr starben in Deutschland 153 Kinder durch Gewalt und Vernachlässigung. Mehr als drei Viertel von ihnen waren jünger als sechs Jahre, 84 höchstens zwei Jahre alt. Insgesamt wurden 4016 Kindesmisshandlungen polizeilich registriert – die Dunkelziffer ist bekanntermaßen weitaus größer.

Emily wird nun zum Bestandteil dieser Statistik. Das ist so traurig. Nun wird abzuwarten sein, ob das Gericht den Täter zum Opfer erklärt. Was auch passiert – die kleine Emily macht das nicht wieder lebendig. Und wenn der eine oder andere einen Hass gegenüber demjenigen entwickelt, der dem Mädchen das angetan hat, dann ist das nur allzu verständlich.

Von Ulrike Meineke

Rubriklistenbild: © Agenturen

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