Vogel gedeiht zwischen Faszination und Ablehnung / Chef-Ornithologe hält eine Jagd für möglich

Kolkrabe auf dem aufsteigenden Ast

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Der Nachwuchs von Hängebauchschwein, Wildschwein, Wollschwein & Co. scheint vor dem Kolkraben sicher. Kommt dennoch einmal ein schwarzer Vogel, in etwa so groß wie ein Mäusebussard, einem der Kleinen zu nah, ist die Mutter sofort zur Stelle.

Weißewarte. Geduldig wartet er auf seine Chance. Und schwupp hat er dem Wollschwein einen großen Happen vor der Nase weggeschnappt. Der Wegelagerer ist nicht allein, auf einem Baum hat ein ganzer Trupp pechschwarzer Gesellen ein Hängebauchschwein samt Nachwuchs im Blick.

„Kaufen Sie sich ein neues Vogelbuch. Die Zeiten, als der Kolkrabe selten war, liegen in unserer Kinderzeit“, weiß Torsten Friedrichs, der Vorsitzende des Ornithologenvereins Altmark-Ost. Ob das Tier gejagt werden sollte, sei immer eine Frage der jeweiligen Interessenlage. „Die Art untersteht dem Jagdrecht, kann aber nicht gejagt werden, weil sie keine Jagdzeit hat. Bei der heutigen Bestandsgröße wäre die Bejagung für den Kolkraben sicherlich kein Problem.“

Der Kolkrabe spaltet die Meinungen. „Faszination kann man schlecht beschreiben. Sein Ruf im verschneiten Winterwald hat etwas Urwüchsiges. Und die Leichtigkeit, mit der die Raben zu allen Jahreszeiten ihre Flugspiele in der Luft betreiben, hat auch etwas Faszinierendes“, findet der Ornithologenchef. Andererseits gebe es da immer wieder diese Negativschlagzeilen. „Wenn Raben von Hasen und Kaninchen leben müssten, wären sie heute äußerst selten, Wildkaninchen sind praktisch aus dem Landkreis verschwunden, aber das ist durch die Myxomatose und die RHD, die Chinaseuche, begründet. Frischlinge werden durch die führenden Bachen vehement verteidigt, sodass ich mir da kaum Verluste durch den Raben vorstellen kann. Bei den Lämmern gibt es sicherlich viele Klagen und wenig brauchbare Nachweise.“ Fest stehe, dass eine Schafherde gerade in der Lammzeit durch die anfallenden Nachgeburten und nicht lebensfähige Lämmer eine gute Nahrungsquelle sei. „Systematische Untersuchungen darüber kamen zu dem Ergebnis, dass die als Verluste dem Raben zugeschriebenen Lämmer krank oder nicht lebensfähig waren. Ausnahmen gibt es natürlich immer.“

Durch Verfolgung als Jagdschädling wurde der mit Abstand größte europäische Rabenvogel einst bis auf Restbestände in Schleswig-Holstein und den Alpen ausgerottet. „Schon Ende der 1960er-Jahre kam er in die Altmark zurück und hat diese längst flächendeckend besiedelt. Er ist also durchaus verbreitet.“ Der Wildpark Weißewarte mit ständig verfügbarer Nahrung sei für den Kolkraben ein kleines Paradies. Aus diesem Grunde treiben sich dort ständig Raben herum, auch größere Trupps. „Raben besetzen Reviere und halten über Jahre zusammen. Die Vögel, die man zum Beispiel am Wildpark sieht, sind noch nicht geschlechtsreife Jungvögel, die noch kein Revier besetzen“, erläutert Friedrichs gegenüber der AZ. Vor etwa zehn Jahren habe ein Rabenpaar ein Jahr lang im August-Bebel-Park am Schwanenteich mitten in Stendal gebrütet. „Seitdem gab es keine Meldungen mehr zu Rabenbruten in Städten in unserem Landkreis. Auch seine Anpassungsfähigkeit hat offensichtlich seine Grenzen.“

Von Marco Hertzfeld

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