Franz Müntefering erzählt bei SPD-Jubiläum von der Zeit der Wende

Die Kehrseite von Schabowskis Blatt

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Vor vielen – wie er es kurz und bündig sagt – „Sozis“ des Landkreises Stendal sprach der ehemalige Minister und SPD-Parteichef Franz Müntefering. Im Cordatus-Saal gab es dazu wegen einer Verspätung eine spontane Führung durchs Domgelände und Pianomusik.

Stendal. Viele haben den Mauerfall verschlafen. Wer heute Politiker fragt, hört oft die Geschichte, dass sie sich erst am 10. November 1989 über den Umbruch vom Vortag im Klaren waren. Ähnlich ging es da Franz Müntefering, ehemaliger Minister und SPD-Bundesvorsitzender.

Er war bei einer 25-Jahr-Feier des Stendaler Kreisverbandes seiner „Sozis“ als Festredner eingeladen. Und weil Mauerfall und Gründung der Ost-SPD miteinander verzahnt sind, geriet seine Rede zu einer Rückschau auf den Mauerfall. Und er lieferte eine Erklärung für die Mauerfall-Rede von Günter Schabowski.

„Auf der Rückseite des Blattes“, sagte Müntefering bei der Feier im Cordatus-Saal des Doms, „hatte gestanden, dass es noch Verschlusssache war. Schabowski hat aber nur auf die Vorderseite geguckt und einfach so vorgelesen“, erzählte Müntefering über seine eigenen Recherchen im Politik-Milieu nach dem Sturz der DDR-Regierung.

Münteferings Rede geriet hauptsächlich zu einer Erinnerung an die Zeit der Wende.

Er selbst habe an dem Abend das Wasserwerk des Bundestages besichtigt. „Und da kam dann einer rein und sagte, mit der Mauer ist was. Wir haben dann aber erstmal weitergemacht“, so der SPD-Bundesveteran. Später „kam der Willy Brandt noch rein, und der hatte es sofort erfasst, anders als wir jungen Leute. Und man sorgte sich: Polen, Prag, 17. Juni, 400 000 Sowjetsoldaten im Land. Das könne nicht gut gehen, so Müntefering über die Gefühlslage der Nacht. Am nächsten Tag sei der Fall der Mauer aber klar gewesen. Grund für die Wende sei vieles gewesen. Ein Kalauer der 75-Jährigen: „Die oben hatten keinen Plan, was sie machen sollen – das ist für Deutsche ja immer verhängnisvoll, keinen Plan zu haben“.

Aber auch wenn es Gorbatschow gab, der wider politischem Selbsterhaltungswillen die Einigung stützte, und vorher Brandt für erste Annäherung gesorgt hatte: „Ihr habt es umgeschmissen“, betonte Müntefering und meint die damaligen DDR-Bürger. Und ein Punkt werde immer vergessen, nämlich die unmittelbaren Kontakte zwischen Ost und West, von Menschen, die sich nicht entfremden wollten und als Mensch und Bürger an der Einheit festhielten.

Zwei Dinge hatte der Vater dem jungen Müntefering eingeschärft: „Gehe nicht in eine Partei“ (Lachen im Saal) und: „Nie wieder deutsche Stiefel im Ausland.“ Müntefering erzählte, wie sich auf diesen zweiten Punkt seine Sicht bald änderte mit dem Kosovo-Krieg. „Man kann nicht mehr sagen, das ist ein anderes Land, das interessiert mich nicht.“ Es würden Dinge in der Welt geschehen, die man nicht mehr verändern kann. „Und da kann man sich nicht verstecken und zurückziehen auf sich selbst“, meinte er.

Den Schwenk zurück zum 25-jährigen Bestehen der Stendaler Sozialdemokraten schaffte er am Ende seiner Rede noch – wenn auch nur mit schnellen Grüßen: „Glückwunsch an Euch, Glückwunsch an die SPD, Stendal und die Altmark.“

Von Kai Hasse

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