Bauernspitze sieht Kühe und Kälber schon in Panik vor Autos rennen

Der Wolf und das liebe Vieh: „Kann eine Katastrophe auslösen“

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Der Wolf ist weiter auf dem Vormarsch und erobert sich alte Reviere zurück.

Seehausen. Fast auf den Monat genau vor einem Jahr wagte sich ein Wolf bis vor das Tor eines Schäfers in Haverland (Groß Garz). Seitdem hat Isegrim in der Ostaltmark mehrmals zugeschlagen und sich nicht zuletzt Schafe geholt.

Mit dem Frühling füllen sich nun die Weiden mit Kühen und Kälbern. Landwirte fürchten um ihre Tiere. Kerstin Ramminger, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes (KBV) Stendal, schlägt Alarm. Schon die bloße Anwesenheit eines Wolfes könne ein Unglück auslösen. Tierhalter seien verunsichert, weil auch rechtliche Fragen noch nicht geklärt seien. Die AZ hat mit der 51-Jährigen gesprochen.

Interview

Schaf, Mufflon und schon bald vielleicht das Rind: Wie stark fürchten Schäfer und Landwirte den Wolf?

Sie fürchten ihn nicht, aber er ist ein Raubtier, das ihre Existenz bedroht. Es gibt nicht mehr viele Schafherden bei uns, doch egal. Wenn auf einen Schlag 20 oder mehr Tiere tot sind, schmerzt das einfach.

Die Sonne wärmt immer mehr, die Weiden füllen sich. Neben den Schäfern fühlen sich nun offenbar auch Halter von Mutterkühen im Stich gelassen. Warum das?

Es geht nicht unbedingt darum, ob der Wolf ein Kalb reißen kann oder nicht. Schon allein seine bloße Anwesenheit kann eine Katastrophe auslösen. Eine Herde könnte in Panik geraten, den Elektrozaun durchbrechen, auf eine unserer viel befahrenen Straßen laufen und einen Unfall mit Toten und Verletzten verursachen. Wenn es keinen Riss gibt und damit keinen Nachweis, dass der Wolf Auslöser des Ganzen war, wird der Landwirt seines Lebens nicht mehr froh und bleibt auch auf den Kosten sitzen. Diese grundsätzliche Versicherungsfrage ist bis heute noch nicht einmal ansatzweise beantwortet, ein Unding.

Warum schreien immer alle gleich nach Vater Staat?

Warum denn nicht, schließlich sind es nicht die Landwirte und Schäfer, die den Wolf ins Land lassen?! Die Schafhalter fühlen sich von der Politik unzureichend verstanden. Es gibt Entschädigungen, nun gut, aber die lösen das Problem nicht. Und ein Schutzhund, wie er jetzt immer wieder empfohlen wird, kostet mehrere Tausend Euro in Anschaffung und Unterhalt und ist zudem selbst nicht ganz ungefährlich. Niemand sagt uns, dass ein Hund dieser speziellen Rassen nicht zum Beispiel in einem einfachen Spaziergänger eine Gefahr sieht, seine Herde beschützen will und angreift.

Wenn nichts hilft, warum überlässt man dem Wolf denn nicht einfach das Feld?

Das lässt sich sicherlich machen, doch wenn Schäfer und Mutterkuhhalter kapitulieren, wird es nicht nur weniger Fleisch und Milch aus der Region geben, sondern auch zur Verbuschung der Landschaft kommen. Ob die Altmark dann noch weiter auf Touristen setzen kann, wage ich zu bezweifeln. Wir punkten derzeit mit unserer Landschaft, mit unserer Kulturlandschaft, wohl gemerkt. Nutztiere sind auch Landschaftspfleger, das sollte keiner vergessen. Im Landkreis weiden viele Tausend davon.

Es gibt viele Hundert Jäger, der halbe Landkreis Stendal scheint unter Waffen zu stehen. Schäfer, Landwirt und Waidmann sind so etwas wie natürliche Verbündete. Wie viele Wölfe mögen schon illegal geschossen worden sein?

Wenn überhaupt, dann nur wenige. Über dieses Thema wird nur ungern gesprochen. Mir hat neulich ein Jäger im Scherz gesagt, dass man sich noch nicht mal traue, einen alten Hund zu erschießen, weil es ja doch ein Wolf sein könnte. Das Gefühl, eigenmächtig gegen dieses Raubtier vorgehen zu müssen, dürfte nicht weitverbreitet sein, denke ich. Auch aus Frust legt niemand einfach so das Gewehr an. Wobei ich das, ehrlich gesagt, keinem verdenken könnte.

Sie scheinen beim Dauerbrenner Wolf mittlerweile auch etwas dünnhäutig zu sein, trügt der Eindruck?

Ach wissen Sie, manchmal verschlägt es mir sogar die Sprache. Bei einer Veranstaltung mit einem Politiker kam doch tatsächlich der Vorschlag, Schäfer sollten wie früher in einem Wagen hausen und auch nachts draußen bei ihren Tieren bleiben. Ich habe den Herrn gefragt, ob er denn morgen in eine Höhle ziehen und rohes Fleisch essen wolle. Auch Schäfer und Landwirte haben ein Recht auf Freizeit, Urlaub und ein vernünftiges Leben. Die Welt hat sich weitergedreht, und diese Welt funktioniert ohne Wolf besser.

Sie wollen Isegrim ausrotten lassen, wie sieht ihre Welt im Jahre 2020 aus?

Der Wolf befindet sich da bereits einige Zeit im Jagdrecht und wird geschossen. Es geht nicht um die Ausrottung, sondern um vernünftige Quoten. Sollte uns das nicht gelingen, gibt es irgendwann keine Schäfer und keine Mutterkuhhalter mehr. Das wäre traurig.

Es hat Wolfsattacken auf Nutztiere bei Walsleben und nahe Uchtdorf gegeben, wissen Sie noch von anderen?

Das ist auch mein Kenntnisstand. Wobei ich allerdings vermute, dass die Zahl der Wölfe nach unten geschönt wird. So oft wie mir meine Landwirte von Wölfen berichten, kann es nicht nur eine Handvoll dieser Raubtiere im Landkreis geben.

Von Marco Hertzfeld

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