Leiterin kritisiert Rasselisten: 43 Vierbeiner in Stendal unter Generalverdacht

„Kampfhunde“ am Pranger: Tierheim bangt um Welpen

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In den vergangenen Jahren sind immer wieder einmal Welpen im Tierheim in Stendal-Borstel gelandet, mitunter wurden sie auch dort geboren. Bei Besuchern sind junge Hunde wie hier ein Boxer-Mix besonders beliebt. Boxer wurden früher als sogenannte Bullenbeißer gezüchtet. Auf der Liste gefährlicher Hunderassen steht der Deutsche Boxer nicht, auch wenn das immer wieder vermutet wird.

Borstel. „Sie könnten bei uns landen, aber auch sonst wo.“ Mit den strengeren Regeln für sogenannte Kampfhunde befürchtet Antonia Freist, dass nicht zuletzt auch unschuldige Welpen dieser Rassen irgendwo unter die Räder kommen oder bei ihr im Stendaler Tierheim stranden – und das für immer.

Ob die Tierschützer eine Ausnahme von der Regel sind und abgegebene Hunde „gefährlicher Rassen“ in andere Hände vermitteln dürfen, stehe im geänderten Hundegesetz Sachsen-Anhalts „nicht explizit drin“. Pitbull-Terrier, American Staffordshire-Terrier, Staffordshire-Bullterrier, Bullterrier und deren Kreuzungen untereinander dürfen ab 1.  März bekanntlich weder gezüchtet und vermehrt noch gehandelt werden. „Wir werden uns noch einmal intensiv damit befassen müssen, vermutlich läuft es auf eine Ausnahmegenehmigung hinaus“, so die Leiterin der Einrichtung.

Das Ordnungsamt sitzt bereits in den Startlöchern. Natürlich werde es Kontrollen „in angemessenem Umfang“ geben. „Es wird sich aber als schwierig erweisen, denn es können nicht ständig alle Halter dieser Rassen aufgesucht werden um zu prüfen, ob sich Hundenachwuchs ankündigt“, macht Stadtsprecherin Sandra Slusarek auf AZ-Anfrage klar. Die Ordnungshüter seien deshalb auch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Wer sich nicht an die verschärften Vorschriften hält, dem droht eine Strafe in Höhe von bis zu 10  000 Euro. Für die Hansestadt Stendal sind momentan 2800 Hunde registriert, davon 43 gefährlicher Rassen und Mischlinge daraus. Wie hoch die Dunkelziffer bei diesen „Listenhunden“ ist, lasse sich naturgemäß nicht einschätzen.

In den vergangenen sechs Jahren hat es 64 angezeigte Beißvorfälle in der Einheitsgemeinde gegeben. Zehn Prozent der Attacken gehen auf das Konto von Pittbull, Bullterrier & Co. Häufiger seien Schäferhunde und Schäferhund-Mischlinge die Beißer. Für bundesweites Aufsehen sorgte der Angriff eines American Bulldog, in einigen Bundesländern ein Listenhund, auf einen Zehnjährigen in Stendal-Stadtsee im September 2006 und die darauffolgende Entrüstung einiger Bürger, weil das Tier von der Polizei erschossen wurde.

Im Tierheim sind derzeit 14 als gefährlich eingestufte Vierbeiner untergebracht, drei davon sind sogenannte Kampfhunde. Allesamt sind sie schon einmal auffällig geworden. Freist mag den Begriff Kampfhund nicht sonderlich und sieht das gesamte Regelwerk eher kritisch. Aktuell leben insgesamt fünf Listenhunde im Tierheim. „Diese Rassen wurden einst für das Kämpfen gezüchtet, natürlich. Doch das ist längst nicht mehr so. Aggressivität lässt sich in jede Rasse züchten, selbst in den Dackel.“ Als gefährlich eingestufte Hunde lassen sich nur schwer vermitteln, pro Jahr gelingt es etwa einmal. Allein schon die Kosten seien ein Hindernis: Für Sachkundenachweis und weitere Dinge müssen insgesamt gut 1000 Euro bezahlt werden.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Tierheimleiterin sieht in der Tat Handlungsbedarf. „Die flächendeckende Einführung des Hundeführerscheins wäre besser gewesen. Von der Rassenliste halte ich überhaupt nichts. Bestimmte Rassen stehen unter Generalverdacht. Und die Rolle des Halters, des Menschen, wird vernachlässigt.“

Immerhin: Das Ordnungsamt habe ab März mehr Ermessensspielraum als bisher. Es könne ja auch sein, dass sich der beißende Hund nur verteidigen wollte. „Allerdings kennt sich das Ordnungsamt in der Regel mit Hunden nicht so aus, da dürfte eine Einschätzung schwerfallen“, glaubt Freist.

Von Marco Hertzfeld

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