Angelina Svyerchkova (23) kehrt nach ihren Studien an die Konfliktzone zurück

Junge Ukrainerin in Stendal: „Das Töten muss aufhören“

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Angelina Svyerchkova (23) aus der Ukraine.

Stendal. Angelina Svyerchkova hat die halbe Nacht nicht geschlafen. Der Konflikt in ihrer Heimat hat sie wach gehalten. „Ich habe mit meiner Familie gesprochen und die Nachrichten im Internet verfolgt.“

Dennoch wird die Ukrainerin auch an diesem Tag wieder pünktlich in der Vorlesung sitzen und dazulernen. Die 23-Jährige hat seit Anfang Oktober für fünf Monate an der Hochschule in Stendal Betriebswirtschaftslehre studiert und ihre Deutschkenntnisse vertieft. Die Kaschade-Stiftung machte es möglich. „Ich habe den Traum, irgendwann für ein deutsch-ukrainisches Unternehmen zu arbeiten“, sagt sie wenige Tage vor ihrer Heimreise im AZ-Gespräch.

Svyerchkova lebt und studiert eigentlich in Saporischja (russisch Saporoschje), einer Stadt, die Ostdeutschen durch die Automobilmarke „Saporoshez“ (umgangssprachlich auch Saporosch oder einfach Sapobe) bekannt sein dürfte. Der Ort liegt nahe der Konfliktlinie. „Ich sehe die bewaffneten Männer und erlebe Kontrollen“, berichtet die junge Frau in gutem Deutsch, das sie so richtig binnen zweier Jahre erlernt habe. Sie komme aus einer Familie, der es wirtschaftlich recht gut gehe. Doch der Konflikt zwischen der Regierung in Kiew und den Separatisten im Osten hat vieles verändert.

Korruption habe es bereits gegeben, nun seien Tod, Inflation und die Angst vor Hunger dazugekommen.

Ob der Osten des Landes nun ein autonomes Gebiet innerhalb der Ukraine wird oder weiter eigene Wege in russischer Richtung geht, scheint der jungen Frau eher zweitrangig. „Das Töten muss aufhören, das ist doch die Hauptsache – oder?“ Svyerchkova sieht sich nicht als eine Hurra-Patriotin. Schließlich sei auch auf ukrainischer Seite nicht alles so demokratisch und unbelastet, wie es dem Rest der Welt vielleicht gemeinhin vorkomme. Dass Russlands starkem Mann, Wladimir Putin, und den Separatisten der Osten der Ukraine womöglich noch nicht ausreicht, davor hätten viele Menschen Angst. Ein offener Krieg könnte die Landkarte Eurasiens dramatisch verändern.

Dass die Europäische Union in größerem Maße zumindest wirtschaftlich helfen wird, daran zweifelt die Studentin. „Ich bin Realistin. Die EU hat ihre eigenen Sorgen, nicht nur mit Griechenland. Zudem ist es den Menschen in Deutschland und anderen Ländern schwer zu vermitteln, warum ihre Steuern in die Ukraine gehen sollen.“ Dennoch: Die Zukunft ihrer Heimat sieht die 23-Jährige in Europa. Vielleicht komme ja in einigen Jahren sogar ein Investor nach Saporischja und helfe dem Automobilwerk auf die Beine. „Es gibt preiswerte und qualifizierte Arbeiter überall im Land. Das ist unser Vorteil, auch wir haben doch etwas zu bieten.“

Von Marco Hertzfeld

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