Nicht ein einziger Antrag von Landbesitzern – Behörde dennoch nervös

Die Jagd im Fadenkreuz: Ausstieg kein Tabu mehr

Sofern die Wiese, das Feld oder das Waldgrundstück außerhalb einer Ortschaft liegt, durfte gejagt werden, ob das der Besitzer nun wollte oder nicht. Das hat sich nun allerdings geändert.

Stendal. Es war einmal ein Tierschützer, der den Wolf in seinem Wald so sehr mochte, dass er dem Jäger dort das Schießen verbot. Andere Landbesitzer folgten seinem Beispiel. Und Isegrim konnte fortan in Frieden leben und sich weiter vermehren.

Ebenso erging es dem erst frisch eingewanderten Luchs, und auch Reh, Hirsch und all die anderen Tiere mussten das Fadenkreuz des Grünrocks nicht mehr fürchten. Kerstin Kießling, Mitarbeiterin der Stendaler Jagdbehörde, lacht. Auch Martina Hass, ihre Kollegin, glaubt nicht an Märchen. Und Amtsleiter Dr. Thoralf Schaffer spricht aus, was wohl alle in diesem Moment denken: „So viel Fantasie sollte niemand entwickeln dürfen, zumal der Wolf doch relativ viel Platz benötigt. Ein befriedeter Bezirk von fünf Hektar oder ähnlich reicht da bei Weitem nicht aus. “ Zwangsbejagung ade: Es hat bislang noch keinen einzigen Antrag gegeben – und dennoch ist das Thema brisant.

1300 Weidmänner und 189 Genossenschaften

Mindestens 1300 Jäger sind im Landkreis Stendal registriert, eine Macht. Dr. Schaffer rechnet damit, dass die Zahl noch weiter zunimmt. Auch immer mehr Frauen greifen zur Waffe, auch wenn ihr Anteil momentan erst bei höchstens drei Prozent liegt. „Die Verbundenheit zur Natur und zur Heimat wächst. Die Menschen begreifen, was wir hier in der Altmark an wertvoller Flora und Fauna haben.“ Der Landkreis ist einer der größten deutschlandweit, mehr als 230 000 Hektar hat die Behörde im Auge. In den 189 Jagdgenossenschaften seien mit Sicherheit 100 000 verschiedene Flächen und unzählige Eigentümer organisiert. Ist ein Grundstück weniger als 75 Hektar groß, ist der Besitzer automatisch Mitglied in einer Jagdgenossenschaft, und auch ohne sein Einverständnis darf auf seinem Land geschossen werden, bislang jedenfalls. Einen Flickenteppich aus sogenannten befriedeten Zonen und Jagdflächen wünsche sich aber kein Weidmann, glaubt Dr. Schaffer.

EU-Gerichtshof bringt Stein ins Rollen

Und dennoch ist der Weg juristisch frei. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat den Stein vor gut vier Jahren ins Rollen gebracht, Ende 2013 ist die Vorgabe in deutsches Recht umgesetzt worden. Die Zwangsmitgliedschaft in einer Genossenschaft sei nicht mit dem in der Menschenrechtskonvention garantierten Schutz des Eigentums vereinbar. Wer aus bestimmten ethischen Gründen das Jagen auf seinem Land nicht weiter ertragen und dulden will, kann einen Antrag beim Landkreis stellen. In einigen Teilen Deutschland hat es bereits erste Anträge gegeben, mit einem Erfolg für die Antragsteller. Doch die Messlatte ist hoch, wie die gesamte Materie schwierig ist, Bundes- und Landesrecht spielen eine Rolle. Dr. Schaffer, selbst ein passionierter Grünrock, legt ein Buch auf den Tisch, mehr als 300 Seiten dick: das Jagdrecht in Sachsen-Anhalt mit Erläuterungen.

Ethische Beweggründe: Messlatte liegt hoch

Kießling macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube: „Ein Antrag auf einen derartigen, befriedeten Bezirk hat es schwer, und das ist gut so.“ Die Fachfrau befürchtet, dass neben irgendwelchen Tierschützern auch Querulanten aus den eigenen Reihen querschießen könnten. „Wo viele Menschen zusammen sind, gibt es immer wieder einmal Ärger und Streit. So mancher könnte die Chance nutzen wollen.“ Und überhaupt: Wo käme der Landkreis denn hin, wenn in Gebieten, auf denen zum Beispiel Wildschweine regelmäßig für große Schäden sorgen, nicht mehr unbehindert gejagt werden dürfe. „Wenn sich Wild in großen Mengen unbedrängt an Bundesstraßen oder der ICE-Strecke sammeln könnte, wäre das eine Riesengefahr für die Sicherheit, für den Menschen“, nennt Dr. Schaffer ein weiteres Beispiel.

Kießling: Mit Fleisch und Leder unglaubhaft

Der Gesetzgeber kennt Räume, die von vornherein besonders geschützt sind und wo nicht einfach so das Gewehr angelegt werden darf. Wo der Mensch lebt und arbeitet, müssen besonders strenge Spielregeln eingehalten werden. Will jemand das Jagen auf seinem Land ganz verhindern, muss er nicht zuletzt Kießling überzeugen. „Wenn mir jemand erzählt, dass er gern Fleisch isst und nur Schuhe aus Leder tragen will, Entschuldigung, aber dann nehme ich ihm die hohen ethischen Gründe schon einmal gar nicht mehr ab.“ Der Kreisjägermeister hat auch noch ein Wort mitzureden, und die öffentlichen Interessen sind gegenzurechnen. Dann gibt es den offiziellen Bescheid, ein Ja oder ein Nein.

„Emotionaler Tierschutz führt ins Verderben“

Wobei Dr. Schaffer und Kollegen keine schlafenden Hunde wecken wollen. „Ein rein emotionaler Tierschutz hilft nicht und führt sogar ins Verderben. Wer über befriedete Bezirke nachdenkt, geht nicht wildbiologisch vor“, ist der Familienvater überzeugt. Der nötige Sachverstand fehle vielen Menschen auch, wenn es um den Wolf geht. Dabei sei und bleibe Isegrim doch ein Raubtier. „Der Wolf ist schlau und weiß, dass der Mensch zwar auch ein Räuber ist, aber momentan nicht sein Feind.“ Dass er sich selbst am helllichten Tag zeigt, sei ein neues Phänomen. Isegrim gehöre ins Jagdrecht, und das möglichst rasch. „Wir haben in Sachsen-Anhalt schon viel zu viel Zeit vertrödelt.“ In Sachsen stehe der Räuber immerhin schon im Jagdrecht, wenn auch mit ganzjähriger Schonzeit. Ein Gesetz anzupassen oder zu ändern, brauche seine Zeit. „Das könnte uns schon bald auf die Füße fallen.“

Wolf, Mensch und die Kulturlandschaft

Der Wolf solle dort leben, wo er noch ausreichend Raum habe, findet auch Kießling. Selbst in der dünn besiedelten Altmark sei das nach ihrer Einschätzung nicht der Fall. „Wir hegen und pflegen eine Kulturlandschaft, es geht um einen gesunden Wildbestand und vor allem um all die Menschen, die von diesem Land leben wollen und leben müssen.“ Selbst die in großen Teilen militärisch genutzte Colbitz-Letzlinger Heide sollte kein Wolfsland mit Zukunft sein, findet die Landkreismitarbeiterin, die selbst auf die Jagd geht und sich privat im Vorstand der Jägerschaft Stendal engagiert. „Das Jagen, der richtige Umgang mit den Wildtieren, ist eine großartige Aufgabe.“

75 Hektar und mehr: 160 Eigenjagden im Kreis

Vom Grundsatz her müssen Landeigentümer Mitglied in einer Genossenschaft sein. Wer mehr als 75 zusammenhängende Hektar sein Eigen nennt, entgeht diesem Zwang und verfügt über eine sogenannte Eigenjagd. Von denen gibt es derzeit im Landkreis 160. Andererseits kann der Eigentümer aber auch weiter in der Genossenschaft bleiben, sein Land betreuen lassen und die Jagdpacht wie gewohnt einstecken. Land, Wildtier, Jagdschein: Kießling ist nicht die einzige Frau in der Behörde mit diesem Papier. „Von den 20 Mitarbeitern haben vier einen Jagdschein, drei Damen und ich. Die Zeiten ändern sich“, meint Dr. Schaffer und lächelt. Der Veterinärmediziner ist seit Kurzem auch für die Jagd- und Fischereibehörde zuständig.

Von Marco Hertzfeld

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