Pensionierte Religionslehrerin erforscht das Vermächtnis ihres Urgroßvaters aus Werben

„Hätte nie etwas über ihn erfahren“

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Relikte des Verdienstes fand Ilse Zelle auf dem Dachboden: Karl Friedrich Knaake wurde 1835 in Werben an der Elbe geboren. Er gilt als Begründer der kritischen Weimarer Lutherausgabe, die zum 400. Geburtstag des Reformators begonnen wurde.

Werben/Syke. „Frisch pensioniert, beginne ich, die eigenen Wurzeln freizugraben“, sagt Ilse Zelle. Ihr Urgroßvater ist der aus Werben stammende Joachim Karl Friedrich Knaake. Er wurde 1835 in der Stadt an der Elbe geboren und gilt als Begründer der Weimarer Lutherausgabe.

Das kritische Werk hatte der Vorfahre der früheren Religionslehrerin zum 400.  Geburtstag des Reformators begonnen. Es wurde von Knaakes Nachfolgern erst vor sechs Jahren komplett vollendet.

Auf die Bedeutung ihres Urahnen stieß die in Syke bei Bremen lebende Geschichtsinteressierte durch ein Zitat des Theologen Karl Meissinger. „Wer kennt heute noch den Namen des Mannes, dem für alle Zeiten das Verdienst bleibt, ein so gewaltiges Werk wie die Weimarer Lutherausgabe (WLA) in Gang gebracht zu haben?“ Diese Frage hatte der Geistliche ausgerechnet 1951 publiziert. „Das war im Jahr meiner Geburt“, erklärt Zelle.

110 Jahre nach dem Tod ihres Urgroßvaters wisse nur noch „ein Handvoll Experten“ um Knaakes Verdienst. Selbst in seiner Familie seien Schriften und Utensilien auf dem Dachboden verstaubt. Zelle: „Wäre ich nicht zufällig in die Familie Knaake hineingeboren, hätte ich mit Sicherheit nie etwas über ihn erfahren.“

An der Pinnwand der Sykerin hängt mittlerweile ein Stammbaum, weshalb die 64-Jährige nun die Namen ihrer Vorfahren bis ins 16. Jahrhundert kennt. Aber weil die Gräber schweigen, forscht Zelle über den bedeutsamen Luther-Forscher aus dem Hause Knaake. So telefonierte sie etwa mit Ulrich Haase aus Werben. Der Elbestädter verweist auf Einträge aus der Werbener Stadtchronik, wonach Zelles Urgroßvater das Gymnasium in Stendal besuchte, in Berlin Theologie studierte und als Kadettenpfarrer in Potsdam wirkte. Auch eine Pastorenstelle im heute zur Gemeinde Eilsleben im Landkreis Börde zählenden Dorf Drakenstedt war demnach eine berufliche Station von Zelles Urgroßvater.

Selbst in der Kreisstadt Stendal findet die Urenkelin bei ihrer Forschung nach dem Luther-Forscher offene Ohren. „Als pensionierte Lehrerin wollte ich etwas über die Schule meines Urgroßvaters erfahren.“ Ein Anruf im Stendaler Winckelmann-Gymnasium verschafft der Niedersächsin dank der Hilfe einer Sachbearbeiterin ein alphabetisches Verzeichnis der Abiturienten der Jahre 1762 bis 1864. „In dieser Liste wird auch Karl genannt“, berichtet Zelle der AZ. Die Sachbearbeiterin schickte der Ahnenforscherin auch ein Foto vom damaligen Gymnasium des gebürtigen Werbeners. „Das ist eine Schule, auf deren alte humanistische Tradition die Sachbearbeiterin stolz sein kann“, schildert Zelle den Kontakt in die Altmark-Kreisstadt. Und mit ihrer Forschung ist die Urenkelin damit noch längst nicht fertig. „Ich will ein Buch über meinen Urgroßvater schreiben“, kündigt die 64-Jährige an.

Von Antje Mahrhold

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