Ärger über schlechte Verständigung bei Untersuchungen / Sprachkurse laufen

Klietz: Arzt will noch mehr Deutschunterricht

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Flüchtlinge lernen in mehreren Gruppen, erklärt der Leiter der Landesaufnahmeeinrichtung, Mathias Stempor.

Stendal / Klietz. „Kein Wort Deutsch“ sollen manche Flüchtlingskinder in Klietz sprechen. Das ist eine Beobachtung von Kreistagsmitglied Dr. Michael Kühn, die er mehrmals in Kreis-Ausschüssen und Kreistag vortrug – zum Ärger von Landesministerien und der Belegschaft in Klietz.

Dort gebe es mehrere Kurse, in denen Kinder Erfahrungen mit der Sprache machen. Die Gegenrede führt Mathias Stempor, Leiter der Landesaufnahmeeinrichtung (LAE). „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich über das Gelände der LAE laufe und freundlich von Bewohnern auf Deutsch begrüßt werde“, berichtet er. Das käme in ganzen Sätzen: „Guten Tag. Wie geht es Ihnen?“ – häufig von Kindern. Stempor zählt auf, was unterrichtet wird: Täglich drei Deutschkurse für Erwachsene, Unterricht für Kinder in vier unterschiedlichen Altersstufen. Fünf Mitarbeiter sind damit beauftragt, darunter drei Hauptamtler des die Flüchtlinge betreuenden Deutschen Roten Kreuzes. Hinzu kämen sogar Handarbeitskurse. Und das übrigens zu einem großen Anteil durch Ehrenamtler. „Es ist natürlich richtig, dass mit Sprachangeboten nie alle Flüchtlinge erreicht werden“, räumt der Camp-Leiter ein. „Nimmt man aber alle Kurse zusammen, erreichen wir derzeit über 50 Prozent der Campbewohner, die Kinder werden zu nahezu 100 Prozent unterrichtet!“

Weshalb also Kühns Erfarungen als Arzt, der ehrenamtlich Schul-Voruntersuchungen leistet und dabei mit den Kindern reden will? Stempor begründet das mit der emotionalen Herausforderung der Kinder: Sie sind – nach der strapaziösen oder dramatischen Flucht – im Camp in einer entspannten Atmosphäre. Der Termin beim Arzt hingegen rufe Verhaltensweisen hervor, „die man vielleicht als ungewöhnlich oder unerwartet empfindet. Die Kinder befinden sich zudem in einer Ausnahmesituation. Das unterscheidet sie von gleichaltrigen deutschen Kindern.“

Kühn will die Arbeit des DRK und der Helfer vor Ort in Klietz nicht als „schlecht“ kritisieren – „bitte nicht in den falschen Hals kriegen!“. Er habe in Klietz durchaus auch Kinder kennengelernt, die sich mit ihm auf Deutsch unterhielten. Aber: „Ich wünsche mir ein ,Noch Mehr’ in Klietz“. Im Kreistag sprach er demonstrativ Hardy Peter Güssau an, der Lehrer war und nun Landtagspräsident ist. „Ich bitte Sie, darauf hin zu wirken, dass hauptamtliche Lehrer in Klietz unterrichten können.“

Brief eines 13-jährigen Mädchens aus Klietz, das nach drei Monaten „Transfer“ hatte – also ab dann im Landkreis Stendal untergebracht wurde.

Noch ist sein Wunsch unmöglich. Eine Schulpflicht – somit ein verbrieftes Recht auf professionellen Deutschunterricht – besteht erst, wenn die Flüchtlinge als Asylsuchende anerkannt sind. Das erklärt Susi Möbbeck, Staatssekretärin des Sozial- und Integrationsministeriums. Aber: „Im Koalitionsvertrag haben sich die Regierungsparteien dazu entschieden, dass in Erstaufnahmeeinrichtungen niedrigschwellige Deutschkurse gegeben werden sollen.“ Man arbeite politisch also daran. Haushalts-Mittel seien dafür vorgesehen. Und die Flüchtlinge seien sehr motiviert und interessiert an Deutschkursen: „Der Bedarf ist da“, sagt sie. Solange appelliert Kühn übrigens auch an pensionierte Lehrer, sich – ebenso wie die anderen Ehrenamtler in Klietz – bei den Kursen in Klietz einzubringen. Und er fordert, altes Schulmaterial zu spenden.

Von Kai Hasse

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