Istanbul in diesen Tagen

Erlebnisbericht aus der türkischen Metropole – eine Woche nach dem Terrorangriff

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Geschäftiges Treiben im Zentrum der türkischen Metropole: „Unsere Stadt ist groß, und wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen“, sagen viele Istanbuler.

Istanbul. Istanbul in diesen Tagen. Eine Reise ins Ungewisse, mit mulmigem Gefühl. Eine Woche nach den Anschlägen kommen wir am Ort des schrecklichen Geschehens an. Der Flughafen Atatürk ist einer von zwei internationalen Airports der 14-Millionen-Stadt am Bosporus.

Auf den Straßen staut sich der Verkehr – ein ungutes Gefühl schleicht sich bei großen Menschenansammlungen manchmal an.

Er ist der größere und weltbekannt. Noch dazu trägt er den Namen des Gründers der modernen Türkei. Wer Atatürk angreift, attackiert das gesamte Land. Wohl auch darum wurde er von den Terroristen für ihre Bluttat ausgewählt. Die Maschine aus Berlin ist pünktlich. In Deutschland gab es nur das übliche Sicherheitsprozedere. Es war voller als sonst an der Passkontrolle in Tegel. Ferienzeit. Nach der Landung in der Türkei läuft alles seinen gewohnten Gang. Aussteigen, Bus, lange Wege im Empfangsterminal. Keine außergewöhnliche Hektik. Keine verstärkte Präsenz von Sicherheitspersonal. Scheinbar. Kameraaugen verfolgen jeden Schritt.

Nicht aufdringlich, aber dennoch unübersehbar ist das Sicherheitsaufgebot in der Stadt.

An der Passkontrolle stauen sich die Ankommenden. Was aber nicht an besonderen Vorsichtsmaßnahmen und der Akkuratesse der Beamten liegt. Es sind nur sechs Schalter geöffnet – von zwölf. Die Wartenden sind genervt. Europäer, Asiaten, Amerikaner... Frauen, Männer. Kinder quengeln, Babys schreien. Es sind hunderte, vielleicht tausend Menschen aus aller Herren Länder in einem engen Bereich. Nur langsam schlängelt sich die Masse vorwärts. Drängler. Lautstarke Wortgefechte. Die Stimmung bei einigen ist explosiv. Die Gedanken kreisen: Wenn es jetzt hier knallt...? Nach mehr als einer Stunde ist die Tortur überstanden. In der Empfangshalle geht es gelassen zu. Business as usual. Keine Unruhe zeigen, bloß niemanden (v)erschrecken, lautet scheinbar die Devise. Die ausländischen Gäste sollen sich wohl sicher fühlen, als wäre nichts passiert. Ein Bereich der Halle ist mit Bauwänden verhängt. Daran hängt eine türkische Fahne. War das der Ort des Geschehens? Nichts weist darauf hin. Jemanden danach fragen? Lieber nicht. Das wäre pietätlos. Außerdem ist es spät. Besser schnell ins Hotel.

Auf den Straßen staut sich der Verkehr – ein ungutes Gefühl schleicht sich bei großen Menschenansammlungen manchmal an.

Der kommende Tag zeigt die Perle am Bosporus von ihrer schönsten Seite. Dennoch verlieren sich die Touristen in der Stadt. Es ist voll, aber nicht überlaufen, wie in der Hochsaison üblich. Wo sonst stundenlanges Warten angesagt ist, kann man hineinspazieren. Das Sicherheitsaufgebot ist dezent, aber unübersehbar. Gepanzerte Fahrzeuge mit gelangweilten Polizisten. Eine mit MP bewaffnete Patrouille spaziert über den Platz. Wer die Hagia Sophia betreten will, muss durch die Sicherheitsschleuse, wie am Flughafen. In die Blaue Moschee geht es ohne Check. Auch hier, wie an allen wichtigen Punkten, überall Kameraaugen. Bringt das Sicherheit oder nur ein Gefühl davon? Sind die eigene Sorge und Vorsicht übertrieben? Die Frage bleibt. In der Istiklal Straße, der Shopping-Meile, pulsiert das Leben immer mehr, je weiter der Tag zur Neige geht. Dass es hier keine Papierkörbe gibt, fällt Eingeweihten auf. Nichts soll Attentätern als Bombenversteck dienen können. Doch was, wenn sich hier jemand in die Luft sprengt? Zigtausende Menschen kann man nicht kontrollieren.

An der Hagia Sophia müssen Besucher eine Sicherheitsschleuse passieren.

Spätestens am Ende des Tages spielen solche Fragen keine Rolle mehr. Die Faszination der Stadt macht sie vergessen. In einer Seitenstraße, abseits vom Trubel, hat Devrim Y. sein Restaurant. Es ist gut besucht. Die Livemusik von seiner Dachterrasse verleiht der Szenerie orientalisches Flair. Am Nachbartisch singen Mädchen ausgelassen die wohl sehr bekannten türkischen Lieder mit. Ein Paar klatscht im Takt. Friedlicher könnte das Bild nicht sein. Ausländer sind hier außer uns keine zu finden. Wirkt sich der Terror auf das Geschäft aus? Der Gastwirt lächelt: „Bei mir bisher nicht.“ Er setzt ohnehin auf die einheimischen Gäste. Die kämen nach wie vor. Am Tag des Attentats auf den Flughafen habe ihn ein deutscher Freund aus Bonn angerufen und besorgt gefragt, ob alles in Ordnung sei. Die Aufregung konnte der Istanbuler nicht verstehen. „Unsere Stadt ist groß, und wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen“, so seine Antwort. Das ist wohl auch das beste Motto für einen Istanbul-Besuch in diesen Tagen. Also genießen wir die Zeit. Die Stadt hat es verdient.

Noch spüren die Gastwirte keine Auswirkungen des Terrors.

Der Abschied fällt schwer. Bei der Taxi-Fahrt zum Flughafen kreisen die Gedanken um die schönen Erlebnisse. Schlagartig ist es wieder da, dieses mulmige Gefühl. An der Einfahrt zum Airport-Gelände stoppen Bewaffnete jedes Fahrzeug. Niemand kommt ohne Kontrolle hinein. Am Eingang zum Abflugterminal ein zweiter Sicherheits-Check. Zu dieser Tageszeit geht es hier recht ruhig zu. Die wenigen Reisenden flanieren durch die weite Halle. Mittendrin eine große türkische Fahne. Davor ein Tisch mit schwarz umrandeten Portraits und vielen vor sich hin trocknenden Rosen. Beklemmung macht sich breit. „Wir werden niemals unsere Mitarbeiter und Passagiere vergessen, die bei der Terrorattacke auf den Flughafen Atatürk ihr Leben ließen“, steht auf einem Schild. Ja, auch das war (in) Istanbul in diesen Tagen.

• Christian Wohlt ist freier Journalist aus Tangerhütte. Er schrieb bereits von mehreren Brennpunkten in der Welt Reportagen für die AZ, unter anderem aus der Ukraine, aus Tschernobyl und Palästina.

Von Christian Wohlt

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