Blinden-Chef Jürgen Soisson gibt Amt 2017 auf  / Nachfolger-Suche gestaltet sich schwierig

„Dass sich ein Vernünftiger findet“

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Von Harald Weber (l.) aus Burg lässt sich Jürgen Soisson ein Daisy-Abspielgerät erklären, das dem Standard digitaler Hörbücher der Blindenbibliotheken Westeuropas entspricht.

Stendal. „Morgen! Wolmirstedt ist jetzt auch da“, spricht eine wohlgelaunte Reiseleiterin Samstagvormittag extra laut, langsam und klar, während sie nach der rechten Hand von Jürgen Soisson greift.

Der Chef der in Stendal ansässigen, einzigen Sorgen- und Nöte-Instituion für Sehschwache und Blinde „nördlich von Magdeburg“ erwartet mindestens 70 Damen und Herren auch aus Gardelegen und Salzwedel, Oebisfelde und Havelberg. „Eine logistische Herausforderung“, sagt der 65-Jährige aus Wischer.

304 Mitglieder zählt die Bezirksgruppe Nord. Bis vor Kurzem seien es 330 gewesen, hofft Soisson, „dass die Betroffenen den Weg zu uns in die Beratungsstelle an der Bismarckstraße finden“. Und er wünscht sich, „dass sich ein vernünftiger Nachfolger findet“, wenn er im Juni 2017 nach 28 Jahren in Führungspositionen von Blinden-Institutionen beider deutscher Staaten sein Amt beendet. Der gebürtige Stendaler, der auch in der Kreisstadt geboren worden ist, sieht einen seiner Erfolge neben der Beratungsfunktion im Tagesgeschäft über Nachteilsausgleichzahlungen wie Sehbehinderten- und Blindengeld in der Organisation von Erholungsfahrten. Seit 1998 seien rund 500 Mitglieder des Verbands in Österreich gewesen, was dank einer Partnerschaft der Stendaler mit dem Blinden- und Sehbehinderten-Verband in Vorarlberg möglich sei.

Auch die Tandem-Rundreisen entwickelten sich positiv, am Wochenende seien erst sechs Verbandsmitglieder von einer Tandemfahrt um den Bodensee zurückgekehrt. Und auch, dass in einigen Stendaler Stadtbussen nun seit August auf Initiative von Soissons Truppe die Haltestellen über Lautsprecher angesagt werden, sei ein Verdienst, auf den er stolz sei. Überhaupt sei die Lage bei den Hilfsmitteln inzwischen vielfach einfacher. „Da gibt es ja jetzt vieles schon beim Discounter“, erinnert sich Soisson an das erste sprechende Blutdruckmessgerät. Dies sei 1996 vom Lions-Club Stendal für 960 DM angeschafft worden. Sprechende Uhren, Waagen und Computer seien längst oft relativ erschwingliche Geräte, die Sehschwachen und Blinden das Leben erleichtern.

Aus Kostengründen haben sich zum Erfahrungsaustausch mittlerweile aber diverse Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen, so Arendsee mit Werben, Stendal-Nord mit Süd, Stendal-Land mit Tangerhütte und Arneburg-Goldbeck mit Osterburg.

Von Antje Mahrhold

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