Autonome nehmen „Schnöggersburg“ ins Visier / BI „Offene Heide“ zeigt ebenfalls Flagge

Bundeswehrgegner im Manöver

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Mitglieder der autonomen und linksradikalen Szene eifern ihren Gesinnungsgenossen in Großstädten wie Berlin und Hamburg nach und geben sich am 1. Mai demonstrativ geschlossen. Zeitgleich wirbt der Deutsche Gewerkschaftsbund einige Kilometer weiter für mehr Solidarität. Musik, Malen und Liegestuhl – es herrscht Volksfeststimmung. Die BI „Offene Heide“ hält nichts von Panzern.

Magdeburg / Stendal. Autonome und Linksradikale schießen sich weiter auf „Schnöggersburg“ ein. In der Übungsstadt der Bundeswehr trainierten „Söldner des Kapitals“ tagtäglich den „Häuser- und Straßenkampf“ gegen Arbeiter weltweit, hat es in Magdeburg aus dem Megafon getönt.

Annähernd 100 Menschen haben sich dort an einer sogenannten „Revolutionären 1.  Mai-Demonstration“ beteiligt. Landespolizei und Staatsschutz dürften ganz genau hingehört haben und sich schon für einen heißen Sommer in der Colbitz-Letzlinger Heide rüsten. Bundeswehrgegner mobilisieren bereits seit Wochen auf Veranstaltungen und im Internet für das 5.  „antimilitaristische Camp“ vom 25. bis 31. Juli. Die Altmark könnte auf Jahre hinaus zum Tummelplatz der deutschen außerparlamentarischen Linken werden.

Verbündete im Geiste haben sich zur selben Zeit nur einige Kilometer in der Innenstadt unter die Gewerkschaften gemischt. Die Bürgerinitiative (BI) „Offene Heide“ macht sich seit Jahren für eine ausschließlich zivile Nutzung des Landstrichs stark. Während an diesem Vormittag Detlev Kiel für die IG Metall auf der Bühne am Alten Markt über Mindestlohn, Solidarität und die Abgrenzung zur AfD spricht, wirbt die BI an ihrem Stand, so will es der Zufall, gleich gegenüber dem einer Polizeigewerkschaft für das Frühlingsfest im altmärkischen Vollenschier am Nachmittag und den mittlerweile 276. Friedensweg am 5. Juni nahe Letzlingen. Zwischen den Heide-Aktivisten und den radikalen Antimilitaristen hat es in der Vergangenheit immer wieder einmal Knatsch gegeben.

Ärger liegt auch bei der revolutionären Mai-Demo in der Luft, auch wenn die Teilnehmer sich offenkundig an diesem Tag nicht auf Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht einlassen wollen. Junge Mütter schieben Kinderwagen, etliche Teilnehmer genießen die milden Temperaturen in kurzer Hose. Die ersten Reihen geben sich dennoch angriffslustig und haben der Polizei und dem System, das diese schützt, nur eines mitgebracht: „Hass, Hass, Hass.“ Immer wieder stoppen die Ordnungshüter den Protestzug und pochen auf die Spielregeln, sei es auch nur, dass Transparente nicht miteinander verknotet sein dürfen, um bei einer Eskalation das Eingreifen zu erschweren.

Der bunte Haufen gäbe ein lohnendes Forschungsfeld für jeden Politologen ab. Marxistisch geprägte Gruppen geben offenbar den Ton an. Auch ausländische Genossen marschieren mit. Aus den Lautsprechern eines Fahrzeuges erklingt wie aus einer längst vergessenen Zeit ein Arbeiterlied und immer wieder „Rot Front!“ Neben blutroten Fahnen und denen der Antifa ist auch eine vereinzelte der Anarchisten zu sehen. Nach der politischen Wende hatte sich ein Großteil der ostdeutschen Autonomen noch selbstbewusst von Marx, Engels, Lenin & Co. distanziert und sich eher anarchistisch-libertären Ideen verbunden gefühlt, doch das scheint längst nicht mehr selbstverständlich. Der Verfassungsschutz hat alles im Auge, egal, wer nun aktuell die Meinungshoheit hat.

Zum Organisationsbündnis für den 1. Mai gehörten unter anderem die Gruppe „Zusammen kämpfen“ und die DKP, eine Kleinstpartei. Kaum größer ist die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), auch sie ist in der Landeshauptstadt dabei. Ein Teilnehmer verteilt eine extra für diesen Tag gedruckte Zeitung, in der Beiträge der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter-Union (FAU) und anderer Formationen enthalten sind. Ein Fotograf begleitet die Veranstaltung für die Partei Die Linke.

Die Demonstration hat eines gezeigt: Die linke Szene ist in der Zahl ihrer Anhänger weiterhin recht überschaubar und alles andere als homogen. Über die Wahl der Mittel und insbesondere die Gewaltfrage gibt es zudem immer wieder Streit. Auf der Internetseite für das Antimilitaristen-Camp in der Altmark ist die Rede von „individuellen Sichtweisen auf Krieg und Militär“. So solle der „gewachsene Widerstand vor Ort“ stärker respektiert werden, vermutlich ein Zugeständnis an die BI „Offene Heide“.

Von Marco Hertzfeld

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