Stendals Afrikaforscher verliert seinen Platz / Altmärker erbost

Berlin schickt Kolonisten Nachtigal in die Wüste

Gustav Nachtigal ist 1834 im Eichstedt geboren worden, wo heute eine steinerne Inschrift an ihn erinnert. In Stendal wuchs er auf und besuchte das Gymnasium. An einer viel befahrenen Kreuzung steht eine Büste aus Bronze. Nachtigal starb im April 1885 auf einem Schiff vor Westafrika an Tuberkulose.

Stendal / Berlin. Der umstrittene Afrikaforscher Gustav Nachtigal sorgt in Berlin für Wirbel. Nach einigem Hin und Her steht nun fest, dass der Name des Altmärkers ganz aus dem Straßenbild verschwinden wird.

„Wenn wir mit dem Denken von 2016 Menschen betrachten und bewerten, die vor 200 Jahren gelebt haben, dürfen wir bald keine Platz- und Straßennamen mehr vergeben. Das ist doch völliger Unsinn“, schimpft Norbert Lazay. Ähnlich ergehe es momentan dem Reformator Martin Luther, nur in einer ganz anderen Sache. „Über dessen Antisemitismus wird Sinniges und leider vor allem jede Menge Unsinniges verbreitet“, ist der Pfarrer und Vorsitzende des Altmärkischen Heimatbundes überzeugt. In Stendal, wo Nachtigal aufwuchs, tragen ein Platz und eine Straße seinen Namen.

Berliner Stadträtin: Jury sucht neuen Namen

„Wir haben als Amt den politischen Auftrag zur Veränderung“, sagt Sabine Weißler, Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Umwelt und Naturschutz. Nachtigal soll durch einen Vertreter der „antikolonialen Bewegung“ ersetzt werden. Die Bürger im betroffenen Viertel seien in die Namenssuche eingebunden, eine Jury wähle aus. „Alle Fraktionen tragen diesen Weg mit, außer die der CDU.“ Die Bündnisgrüne selbst macht sich für Anton Wilhelm Amo, den ersten bekannten Philosophen und Rechtswissenschaftler afrikanischer Herkunft in Deutschland, stark. Er war Anfang des 18. Jahrhunderts aus Ghana nach Europa verschleppt worden. Und so könnte der Nachtigalplatz künftig Amoplatz heißen. „Das Ganze braucht aber noch seine Zeit. Wir rechnen mit zahlreichen Vorschlägen, im nächsten Jahr könnte es so weit sein“, sagt Weißler im AZ-Gespräch.

„Kolonialherren der übleren Sorte“

Der Berliner Bezirk Mitte diskutierte zum wiederholten Male darüber, wie mit Nachtigal, Adolf Lüderitz, dem ersten deutschen Landbesitzer im heutigen Namibia und Teil eines Adelsgeschlechts aus der Altmark, sowie weiteren kolonialen Größen umzugehen sei. Die linksliberale Tageszeitung TAZ schreibt von „Kolonialherren der übleren Sorte.“ Differenzierter geht „Spiegel online“ mit dem Thema um. Dort wird auf die Tagebücher des gebürtigen Eichstedters verwiesen, in denen er den Sklavenhandel leidenschaftlich verurteilte. Anderseits habe sich Nachtigal von Reichskanzler Otto von Bismarck 1884 überreden lassen, Reichskommissar für Deutsch-Westafrika zu werden. Daran entzünde sich die aktuelle Diskussion.

Stendals Stadtsprecher: „Ein Kind seiner Zeit“

In Eichstedt erinnert ein Stein an den Afrikaforscher, regelmäßig finden dort größere Veranstaltungen statt. Im etwa zehn Kilometer entfernten Stendal, wo Nachtigal das Gymnasium besuchte, steht ein Denkmal aus dem späten 19. Jahrhundert. An Vorstöße gegen den umstrittenen Altmärker in Stendal kann sich Klaus Ortmann für die jüngere Vergangenheit nicht erinnern. „Gustav Nachtigal war ein Kind seiner Zeit. Sein Forscherdrang, seine Forschungen und seine Reiseberichte sind das Bleibende. In erster Linie muss jeder für sich entscheiden, welche Lebensleistungen von Menschen im Vordergrund stehen und wie man die Verdienste würdigt“, meint der Stadtsprecher. Aus touristischer Sicht spiele Nachtigal, zumindest derzeit, eher eine untergeordnete Rolle für Stendal. „Anfragen sind die Ausnahme, also sehr selten. Im Altmärkischen Museum gibt es zu Nachtigal einen kleinen Abschnitt.“

Heimatfreund Lazay: Rommel schlimmer

In der DDR-Geschichtsschreibung wurde Nachtigal in der Regel relativ unkritisch mit Carl Peters, einem Politiker, Forscher und Kolonialisten mit ausgeprägter rassistischer Vorstellung, gleichgestellt. „Unser Nachtigal hatte es schon immer nicht besonders leicht“, findet Lazay. Seines Wissens nach stand das Stendaler Denkmal in realsozialistischen Zeiten auch irgendwo versteckt und fand seinen aktuellen, recht repräsentativen Platz erst nach der politischen Wende. Eine Wende hätte sich der Pfarrer auch für Joachim Henniges von Treffenfeld gewünscht. Doch die Initiative, das Gefechtsübungszentrum der Bundeswehr in der Colbitz-Letzlinger-Heide nach ihm zu benennen, scheiterte mit der Begründung, der altmärkische General habe im Dreißigjährigen Krieg zu viel angerichtet. „Solange wir Kasernen mit dem Namen des NS-Generalfeldmarschalls Rommel haben, kann ich mit Namen wie Treffenfeld und Nachtigal sehr gut leben. Nur noch so viel: ,Nachtigall, ick hör dir trapsen.’“

Osterburgs Ortschef: Nicht alles verteufeln

Klaus-Peter Gose äußert sich ähnlich. Osterburgs Ortsbürgermeister hat ein Faible für die deutsche Kolonialzeit. „Man kann eine Sache kritisch sehen, ohne sie gleich zu verteufeln.“ Die Bundesregierung wolle die Massaker deutscher Truppen vor mehr als 100 Jahren im heutigen Namibia künftig als Völkermord bezeichnen. Auf der anderen Seite hätten die Deutschen den Afrikanern die Eisenbahn, moderne Straßen, ein funktionstüchtiges Wassersystem und anderes mehr gebracht. „Beides lässt sich nicht gegeneinander aufrechnen, doch wir sollten die Geschichte doch möglichst ohne ideologische Scheuklappen betrachten.“ Der Christdemokrat war zweimal in Namibia. „Die Bevölkerung dort kann differenzieren, warum nicht wir?!“ „Auf einem ungewöhnlichen touristischen Wegweiser in der Biesestadt mit bedeutenen Städten der Welt und Entfernungen soll sich auch Windhuk, Namibias Hauptstadt, wiederfinden. Zur politischen Sommerpause soll der Wegweiser auf dem August-Hilliges-Platz aufgestellt sein.

Peters ersetzt Peters: Winkelzüge Geschichte

Im Afrikanischen Viertel in Wedding ist die Petersallee seit Mitte der 80er-Jahre nicht mehr nach dem Kolonialherrn Peters benannt, sondern nach Hans Peters, einem Stadtrat, den keine Sau kenne. Ein ähnlicher Winkelzug drohte dem Altmärker und seinem Platz an der Spree. Der böse Kolonialherr Nachtigal sollte durch den guten Johann Karl Christoph Nachtigal, einen Theologen und Schriftsteller, ersetzt werden. Und die Lüderitzstraße sollte künftig an Lüderitz im Süden Namibias erinnern. Bizarr, ist doch genau die wiederum nach dem Kolonialherrn benannt. Doch all das scheint nun vom Tisch, Nachtigal und Lüderitz verschwinden ganz.

Von Marco Hertzfeld

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