Berliner Raubein gibt einmalig im Land den Verteufelten und lässt auf Bühne in Stendal hoffen

Ben Becker schäumt für den Judas

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Ben Becker ganz in Weiß und Andreas Sieling, Organist des Berliner Doms, lassen sich nach der Aufführung feiern.

Magdeburg  /  Stendal. Da kommt er. Einige erkennen Ben Becker auch gegen das gleißende Licht der Sonne. Der kantige Mime hat es eilig. Der Beifall ist zaghaft, Gott sei Dank.

Doch selbst diese Vorschusslorbeeren wischt er mit einer Handbewegung freundlich, aber bestimmt beiseite. Kein Fotoapparat klickt, kein Autogrammjäger nervt. So soll er es in diesen Momenten am liebsten haben, heißt es. Dabei gäbe es Jünger genug, mehrere Hundert Menschen stehen sich vor dem gewaltigen Sakralbau im Herzen des alten Magdeburg die Beine in den Bauch, einige warten bereits mehr als eineinhalb Stunden der besten Plätze wegen. Die eiserne Tür fällt hinter Becker ins Schloss und wenig später hören die Ersten in der Reihe den Berliner proben. „Ich, Judas – Einer unter euch wird mich verraten. “.

Die Karten sollen vor mehr als einem halben Jahr in Handumdrehen verkauft worden sein. Becker gibt zurzeit in größeren Städten den Judas, in Magdeburg innerhalb der 8. Domfestspiele und nur einmal. Mindestens fünf vordere Reihen sind reserviert, freie Platzwahl hat dort ihre Grenzen. Ausgerechnet einige bevorzugte Lokalgrößen bleiben fern und ihre Stühle leer, ein Frevel. Auf große Worte zur Begrüßung verzichten die Organisatoren, immerhin. Die Orgelpfeifen tönen und Bachs Kompositionen wirken, wie sie nur an schweren Orten wie diesem wirken können. Allein Becker gehört am Abend die Bühne vor dem Altar. Anhänger der Hochkultur und einfache Fans der scheinbar großen Klappe aus Berlin sind für die ungewöhnliche Inszenierung in das Kirchenschiff gestiegen.

Der 51-Jährige hat sich in unschuldiges weißes Leinen gehüllt. Er, der es ansonsten eher dunkel mag und für den Schwarz nichts Negatives in sich trägt. Becker ergreift Partei für den Verteufelten, der Gottes Sohn mit einem Kuss offenbart und ans Kreuz geliefert hat. Ein wahres Schauspiel: Da steht jemand in einer der größten Kirchen Deutschlands und liest aus der Bibel, der auch gut in die wilden Zwanziger und in irgendeine Boheme gepasst hätte und regelmäßig mit linken Utopien kokettiert, aktuell ist es die des Kommunisten und Stalinkritikers August Thalheimer, wenn man der Berliner „Tageszeitung“, kurz „taz“, glauben darf. „Damit wir uns richtig verstehen, ich bin kein gläubiger Mensch im klassischen Sinn“, wird er später sagen, auf den gekreuzigten jüdischen Wanderprediger Jesus zeigen und ergänzen: „Aber den finde ich richtig gut.“ Menschen aus Magdeburg, Stendal und weiteren Orten des Landes lassen sich auf diese Type ein. Becker in der rolandstädtischen Marienkirche, auch das wäre was.

Der gebürtige Bremer liest im hellen Büßermantel nackte Verse, die Christen wichtig sind und die für andere dazugehören, seziert den angeblichen oder tatsächlichen Verräter, zitiert aus dem Werk des israelischen Schriftstellers Amos Oz, hält Walter Jens’ Verteidigungsrede für Judas Ischariot, den Juden, an dem schon Evangelisten kein gutes Haar ließen. Altphilologe, Rhetoriker und Schriftsteller Jens hatte den Fall Judas 1975 als fiktiven Seligsprechungsprozess in der Form einer forensischen Fallstudie behandelt: „Ohne Judas kein Kreuz, ohne das Kreuz keine Erfüllung des Heilsplans. Keine Kirche ohne diesen Mann; keine Überlieferung ohne den Überlieferer.“ Eine Interpretation, die nach wie vor alles andere als selbstverständlich ist und nicht allein wegen katholischer Orthodoxie, Martin Luthers Antijudaismus und dem Reformationsjubiläum 2017 Sprengkraft besitzt.

Becker ist in seinem Element, ein revolutionärer Text, der zudem brandaktuell ist. Antisemitismus, Neonazis, Deutsche, die Flüchtlingen Feuer entgegen schleudern. Der Schauspieler schäumt, findet zurück zur historischen Figur, klettert auf den Tisch, läuft durch den Mittelgang, empört sich, verzweifelt an Gott und der Welt, schreit, dass der Kirche Mauern zu beben scheinen. Emotionen pur. Besser noch, der Schauspieler stiftet in unruhigen Zeiten zum Nach- und Querdenken an. Zuschauer erheben sich, honorieren mit frenetischem Applaus. Becker hebt die Faust, dreht sich zum Kreuz, er weint, dankt – und triumphiert, ob auch für Judas, muss sich zeigen. Wer das genauso sieht, kann beiden nur weitere Bühnen wünschen, vielleicht ja auch eine in der Altmark, in Stendal oder bei den Osterburger Literaturtagen zum Beispiel.

Von Marco Hertzfeld

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