Geheimtipp: Chefveterinär hält Nutria für wertvolles Lebensmittel / Fleisch beim Jäger des Vertrauens

„Sumpfbiber wieder in aller Munde“

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Die Nutria stammt ursprünglich aus Südamerika. Sie erreicht eine Körperlänge von bis zu 65 Zentimetern und wiegt ausgewachsen zwischen acht und zehn Kilogramm. Der Nager büxte aus Pelztierfarmen aus und wurde mancherorts bewusst ausgewildert.

Seehausen / Stendal. Die Nutria ist für die Fluss-Unterhaltungsverbände ein rotes Tuch. Und den Jägern läuft das buddelfreudige Nagetier immer häufiger vor die Flinte.

Wie sehr der Meerschweinchenverwandte auch andere Menschen bewegt, haben Reaktionen auf Berichte in der AZ gezeigt. Inwieweit die Nutria auch auf dem Essteller landen sollte, darüber gehen die Meinungen wie erwartet ziemlich weit auseinander. Dr. Thoralf Schaffer interessiert sich allein schon von Amts wegen für das Thema. Die AZ hat den Leiter des landkreislichen Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes befragt. Der Ostaltmärker ist zudem seit Kurzem auch für die Jagdbehörde zuständig.

Interview

Die Nutria scheint in aller Munde. Inwieweit schmeckt die Nutria den Leuten denn heute überhaupt noch? 

Das Thema Sumpfbiber ist in Fachkreisen derzeit, wie Sie es sagen, wieder in aller Munde. Die Bestände in den Revieren scheinen zu explodieren. Mehrere milde Winter hintereinander haben sicher dazu beigetragen.

Sie sprechen vom Sumpfbiber. Es gibt auch die Bezeichnungen Schweifbiber, Biberratte und andere. Die Nutria hat viele Namen ... 

An dieser Stelle sei erwähnt, dass historisch gesehen das lebendige Tier Sumpfbiber genannt wird und der Schlachtkörper auf dem Küchentisch dann der eigentliche Nutria ist. In den letzten Jahrzehnten haben sich aber die Begriffe miteinander vermischt.

Sie haben von explodierenden Beständen gesprochen. Inwieweit lässt sich das mit Zahlen belegen? 

Die Gewässerunterhaltungsverbände denken derzeit über Prämien für die Jäger nach, die sich der Bejagung widmen. Grund dafür sind die enorm gestiegenen Schäden an den Gewässern. Die Strecke des letzten Jagdjahres lag in Sachsen-Anhalt bei 3694 und die davon im Landkreis Stendal bei 1236 Stück. Tendenz steigend mit Schwerpunkt in der Altmark.

So appetitlich sieht die Nutria auf den ersten Blick ja nicht aus. Was macht das Fleisch so besonders? 

Persönlich habe ich noch keinen Nutria gegessen. Diejenigen, die es getan haben, berichten von einem sehr angenehmen Geschmack, der an Kaninchen erinnert.

Was ist aus veterinärmedizinischer Sicht zu beachten? 

Vor dem Verzehr sind Nutria genauso wie Wildschweine auf Trichinen untersuchen zu lassen. Biologisch ist das für einen Pflanzenfresser nicht zu erklären. Da aber positive Fälle bekannt sind, besteht die gesetzliche Pflicht, hier gibt es Parallelen zum Pferd.

Wo gibt es den nächsten Wildhandel, der Nutriafleisch anbietet?

Im Wildhandel können Sie meines Wissens nach keinen Nutria beziehen. Gewerbliche Farmen gibt es nach meiner Kenntnis in Zentraleuropa nicht mehr, nachdem der Pelzmarkt zusammengebrochen ist. Die Tierkörper war seinerzeit nur der positive Nebeneffekt.

Und nun?

Wer Nutria essen will, kann diesen bei seinem Jäger des Vertrauens beziehen. Dieser muss nach Europarecht zur sogenannten „Kundigen Person“ geschult worden sein. Mit dieser Qualifikation und einem passenden Raum, in dem das Wild verarbeitet wird und der beim Veterinäramt abgenommen sein muss, kann der Jäger im Umkreis von 100 Kilometern um Wohn- und Erlegungsort vermarkten.

Sie scheinen ein richtiger Fan des Sumpfbibers zu sein. Was sehen Sie in diesem Tier, was andere nicht oder noch nicht sehen?

Ich halte Nutria für ein wertvolles Lebensmittel, dem es lediglich an Marketing fehlt. Da Essgewohnheiten in der Kindheit geprägt werden, ist es dann später relativ schwierig, breite Bevölkerungsschichten von einem neuen Lebensmittel zu überzeugen. Sollte es uns jedoch, vielleicht auch dank Ihrer Hilfe, gelingen, wäre das ein guter Ansatz, um den Sumpfbiber im Bestand wieder deutlich zurückzudrängen.

Von Marco Hertzfeld

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