Handwerkstag: 83-jähriger Wilhelm Conrad übt immer noch den seltenen Beruf des Polsterers aus

Einem Holzbein Velours verpasst

+
Der 83-jährige Wilhelm Conrad übt immer noch den seltenen Beruf des Polsterers aus. Trotz seines Alters arbeitet der Beusteraner für Privatpersonen und für das Seehäuser Krankenhaus. Er konnte auch schon einem Altmärker mit einem Holzbein helfen.

Beuster. Das Handwerk als selbsternannte „Wirtschaftsmacht von nebenan“ feiert heute die Vielfalt seiner Berufe. Der Aktionstag soll junge Menschen auf handwerkliche Ausbildungen aufmerksam machen.

Verschiedene Veranstaltungen der Betriebe und Handwerksorganisationen finden dieses Jahr unter dem Motto „Die Zukunft ist unsere Baustelle“ statt. Mittlerweile gibt es Handwerksberufe, die fast ausgestorben sind. Schmied und Polsterer gehören dazu. Letzterer ist noch in Beuster zu finden.

Die Familie Conrad übt dieses Handwerk über drei Generationen aus. Begonnen hatte alles im Jahre 1885 als sich Wilhelm Conrad mit einer Sattlerei und Polsterei in Beuster selbstständig machte. Sein Sohn Otto übernahm diese dann später. 1933 wurde sein Sohn Wilhelm geboren, der ebenfalls in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters trat. Allerdings hatte Wilhelm Probleme mit der Fortführung des Betriebes, weil er keine Gewerbeerlaubnis bekam. Die DDR-Staatslenker setzten damals im Zuge der Kollektivierung auf LPG und PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) statt auf private Betriebe. Wilhelm Conrad musste sich neu orientieren und war unter anderem als Sicherheitsinspektor für Land-, Forst- und Nahrungsgüter tätig. Im Jahr des Mauerfalls – genau am 1. Januar 1989 bekam der Altmärker eine Gewerbeerlaubnis und machte sich auf seinem Grundstück im Beusteraner Ortsteil Esack selbstständig. „Reichtümer konnte man damit nicht erwerben, aber man konnte davon leben“, sagt der nunmehr 83-Jährige im AZ-Gespräch. Aufgrund der Seltenheit des Berufs waren aber immer wieder die Leistungen Wilhelm Conrads gefragt. Er polsterte Stilmöbel und brachte abgenutzte Gebrauchsmöbel ebenso wieder auf Vordermann.

Nach der Abmeldung des Gewerbes ist für den Beusteraner, der lange Jahre als Feuerwehrchef in dem Ort tätig war, noch längst nicht Schluss. Der 83-Jährige ist in seiner Werkstatt immer noch emsig beschäftigt. Kundschaft hat er im norddeutschen Raum ebenso wie in Süddeutschland. „Mundpropaganda hat mich bekannt gemacht.“ Der Ruheständler arbeitet aber längst nicht nur für Privatpersonen. So übernimmt der Polsterer noch sämtliche Reparaturarbeiten im Seehäuser Krankenhaus, die sein Tätigkeitsfeld betreffen. Ebenso fertigte er unter anderem Sitzkissen für die Wittenberger Kirche und arbeitete Stühle für das dortige Gemeindehaus auf. Wilhelm Conrad erinnert sich auch an Kuriositäten. So kam mal ein Altmärker mit einem Holzbein zu ihm, das mächtig drückte. Der Polsterer konnte Abhilfe schaffen. „Ich hatte dem Holzteil Schaumstoff und Velours verpasst – und schon war das Problem gelöst“, schmunzelt der erfahrene Handwerker.

Von Thomas Westermann

Kommentare